Unter Wah­rung sei­ner macht­po­li­ti­schen Prä­ro­ga­ti­ve steu­ert der seit 1994 im Amt befind­li­che bela­rus­si­sche Prä­si­dent Alex­an­der Luka­schen­ka einen außen­po­li­ti­schen Kurs, der dem Land unge­ach­tet der wirt­schafts­po­li­ti­schen Abhän­gig­keit von Mos­kau natio­na­le Eigen­stän­dig­keit zu erhal­ten ver­sucht und es den fast zehn Mil­lio­nen Bür­gern ermög­licht, im Wege eigen­stän­di­ger wirt­schaft­li­cher Tätig­keit im In- und Aus­land ihren Lebens­un­ter­halt zu sichern. Der bela­rus­si­sche Staat ist wegen sei­ner abneh­men­den wirt­schaft­li­chen Mög­lich­kei­ten nicht mehr in der Lage, sei­nen Anspruch zu hono­rie­ren, auf der Grund­la­ge einer staat­lich kon­trol­lier­ten Wirt­schaft den Lebens­stan­dard der Bür­ger (Woh­nung, Aus­bil­dung, Gesund­heit, Alters­ver­sor­gung) zu gewähr­lei­ten. Etwa eine Mil­li­on Bela­rus­sen arbei­ten in Russ­land, eine Mil­li­on in ande­ren Län­dern.

Nach den enor­men Zer­stö­run­gen und hohen Ver­lus­ten an Men­schen­le­ben unter der Bevöl­ke­rung, die Bela­rus im zwei­ten Welt­krieg erlit­ten hat­te, wur­de das Land mit gro­ßen Anstren­gun­gen wie­der­auf­ge­baut. Zuwan­de­rung aus ande­ren Tei­len der Sowjet­uni­on wur­de geför­dert. In Bela­rus ent­stan­den neben Haupt­ver­wal­tun­gen für die Streit­kräf­te vor allem Indus­tri­en für moder­ne Mili­tär­tech­nik, Maschi­nen­bau (Bau­ma­schi­nen, Trak­to­ren, Auto­bus­se), Hoch­schu­len, u.a. auch für vie­le tech­ni­sche Berei­che. In den sieb­zi­ger Jah­ren gal­ten Riga, Tif­lis und Minsk neben Mos­kau und Lenin­grad als Vor­zug­städ­te des Sowjet­im­pe­ri­ums. Mit der Wie­der­ge­burts­be­we­gung unter dem Archäo­lo­gen Zen­on Pas­njak Ende des 80er Jah­re wies Bela­rus aber auch – anknüp­fend an die Bewe­gung zur natio­na­len Unab­hän­gig­keit nach dem Ende des ers­ten Welt­krie­ges – eine eigen­stän­di­ge bela­rus­si­sche Unab­hän­gig­keits­be­we­gung auf, die in den Gor­bat­schow-Jah­ren (1985–1990) mehr als eine Mil­li­on Anhän­ger besaß und spä­ter in der BNF – der bela­rus­si­schen Volks­front – auf­ging.

2018 war in die­sem Zusam­men­hang der 25. März ein beson­de­res Datum, da an ihm dem 100. Jah­res­tag der Bela­rus­si­schen Volks­re­pu­blik (BNR) und damit an das weni­ge Mona­te dau­ern­de Bestehen eines unab­hän­gi­gen bela­rus­si­schen Staa­tes nach Ende des Ers­ten Welt­krie­ges gedacht wurde.Üblicherweise stan­den sich jedes Jahr am 25. März die demo­kra­ti­sche Oppo­si­ti­on, die Bela­rus als tief in der euro­päi­schen Geschich­te ver­wur­zelt sieht und das Luka­schen­ka-Regime, das die his­to­ri­sche Legi­ti­ma­ti­on für das Land aus dem Sieg im „Gro­ßen Vater­län­di­schen Krieg“ und der Sowjet­pe­ri­ode ablei­tet, uner­bitt­lich gegen­über. 2018 dage­gen war das Geden­ken staat­lich sank­tio­niert und konn­te sogar mit einem Kon­zert in dem an das Opern­haus angren­zen­den Park statt­fin­den. Über 18.000 Men­schen besuch­ten die Ver­an­stal­tung, auf der unge­straft die weiß-rot-wei­ßen Fah­nen – Insi­gni­en der demo­kra­ti­schen Oppo­si­ti­on – geschwenkt wer­den durf­ten. Das unab­hän­gi­ge Online-Nach­rich­ten­por­tal tut​.by ver­öf­fent­lich­te beglei­tend eine Serie von rus­sisch­spra­chi­gen Arti­keln, die ver­schie­de­nen Aspek­ten der BPR wie sei­ner poli­ti­schen Füh­rung, sei­nen Gren­zen sowie Ursprün­gen von Fah­ne und Wap­pen gewid­met waren.

Obwohl die Orga­ni­sa­to­ren und eini­ge Teil­neh­mer einer nahe­ge­le­ge­nen nicht geneh­mig­ten Par­al­lel­ver­an­stal­tung vor­über­ge­hend fest­ge­nom­men wur­den, fand die Haupt­kund­ge­bung am 25. März der­art ent­spannt und har­mo­nisch statt wie noch nie seit Luka­schen­ka Macht­über­nah­me. Was übli­cher­wei­se öffent­li­cher Pro­test und Kon­fron­ta­ti­on war, wur­de 2018 zu einer Fei­er­lich­keit. Auch die staat­li­chen Fern­seh­ka­nä­le ver­zich­te­ten auf despek­tier­li­che Bericht­erstat­tung.

An die­sem Ereig­nis zeigt sich exem­pla­risch, dass sich das natio­na­le Geschichts­bild erwei­tert über die Ver­wur­ze­lung des Staa­tes im Gro­ßen Vater­län­di­schen Krieg hin­aus – hin zu den poli­ti­schen, kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Ver­knüp­fun­gen des Lan­de mit Litau­en und Polen, die im Rah­men der drit­ten pol­ni­schen Tei­lung im Jah­re 1795 zuguns­ten der Inkor­po­ra­ti­on in das zaris­ti­sche Russ­land auf­ge­bro­chen und been­det wur­den. Das Nar­ra­tiv der Geschich­te ver­än­dert sich – die­ser aber bleibt uner­heb­lich für die erstarr­te poli­ti­sche Kul­tur des Lan­des unter Luka­schen­ka.

Bemer­kens­wert am Ran­de war, dass in rus­si­schen sozia­len Netz­wer­ken der Umstand scharf kri­ti­siert wur­de, dass in Bela­rus eine Mani­fes­ta­ti­on des Geden­kens an einen von Russ­land unab­hän­gi­gen bela­rus­si­schen Staat nicht sank­tio­niert wur­de.

Eine Rei­he von wei­te­ren Ereig­nis­sen im Jahr 2018 wei­sen auf Span­nun­gen im Regie­rungs­sys­tem hin:

Die Absa­ge einer Rei­se nach Gomel Ende Juli nah­men rus­si­sche und ukrai­ni­sche Medi­en zum Anlass dar­über zu spe­ku­lie­ren, ob Luka­schen­ka unheil­bar erkrankt sei. Obwohl die­ser weni­ge Tage spä­ter den Gerüch­ten selbst wider­sprach, reich­ten sie aus, eine brei­te­re Dis­kus­si­on über die poli­ti­sche Zukunft des Lan­des anzu­sto­ßen. „Ist Bela­rus bereit für ein Leben nach Luka­schen­ka“, lau­te­te eine Debat­te auf Radio Liber­ty. Meh­re­re Stim­men wie­sen auf die nach wie vor aku­te Exis­tenz­ge­fahr für ein Land hin, des­sen poli­ti­sches Sys­tem radi­kal auf eine Füh­rungs­per­son zuge­schnit­ten, das von zahl­lo­sen rus­si­schen Agen­ten unter­wan­dert ist und des­sen poli­ti­sche Eli­te eine äußerst schwach aus­ge­präg­te natio­na­le Iden­ti­tät kenn­zeich­net.

Es gibt in Bela­rus in der Tat nicht weni­ge, die eine Rück­kehr unter die rus­si­sche Herr­schaft befür­wor­ten. Putin hat in dem Land vie­le Anhän­ger – zumal dort der Lebens­stan­dard rascher ansteigt als in Bela­rus.

Mit­te August ord­ne­te Luka­schen­ka eine grö­ße­re Regie­rungs­um­bil­dung an, in deren Zuge der Pre­mier sowie vier Minis­ter für inef­fi­zi­en­te Amts­füh­rung und weil sie ver­meint­lich die Anwei­sun­gen des Prä­si­den­ten nicht aus­ge­führt hat­ten, ent­las­sen wur­den. Zum neu­en Regie­rungs­chef wur­de Siar­hei Rumas ernannt, der bis dahin die staat­li­che „Ent­wick­lungs­bank“ (Deve­lop­ment Bank) gelei­tet hat­te.

Regie­rungs­um­bil­dun­gen fin­den in Bela­rus regel­mä­ßig etwa alle vier Jah­re statt. Sie die­nen u.a. dazu, die Posi­ti­on des Prä­si­den­ten in den Augen der Öffent­lich­keit zu stär­ken und ihn als hand­lungs­fä­hig daste­hen zu las­sen.

Der neue Pre­mier­mi­nis­ter besitzt die Repu­ta­ti­on eines erfolg­rei­chen Mana­gers. Mit sei­ner Ernen­nung mögen ein effi­zi­en­te­res Regie­rungs­han­deln, kaum jedoch tief­grei­fen­de poli­ti­sche oder gesell­schaft­li­che Refor­men zu erwar­ten sein. Rumas gilt als Wirt­schafts­fach­mann und Anhän­ger einer mode­ra­ten Libe­ra­li­sie­rung der Wirt­schaft. Der Pri­vat­sek­tor erhofft sich von ihm eine Ver­bes­se­rung der poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen für pri­vat­wirt­schaft­li­ches Han­deln. Rumas steht vor der Her­aus­for­de­rung, das Wirt­schafts­wachs­tum in Bela­rus trotz ange­spann­ter Bezie­hun­gen mit Russ­land anzu­kur­beln. Vor allem die bevor­ste­hen­de Steu­er­re­form im rus­si­schen Ölsek­tor, die für Bela­rus die Prei­se für rus­si­sches Öl signi­fi­kant anstei­gen las­sen wird, dürf­te ihm Kopf­schmer­zen berei­ten. Bemer­kens­wert ist in die­sem Zusam­men­hang, dass Luka­schen­ka im Zuge der Regie­rungs­um­bil­dung auch Ulad­zi­mir Sie­mash­ka ent­las­sen hat, der in den letz­ten 15 Jah­ren für die Ver­hand­lun­gen mit Russ­land im Ener­gie­be­reich ver­ant­wort­lich war.

Wei­ter­hin wird Rumas vor allem mit dem Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) über neue Kre­di­te ver­han­deln müs­sen, die Bela­rus drin­gend für eine Refi­nan­zie­rung der Aus­lands­schul­den benö­tigt. Bei die­sen Kre­dit­ver­hand­lun­gen ste­hen stets die Reform­wün­sche des IWF zur Debat­te, ohne dass von der Zusam­men­ar­beit mit dem IWF nach­hal­ti­ge Wir­kun­gen auf die Wirt­schaft und die Finan­zen des Lan­des aus­ge­hen. Luka­schen­ka selbst hob die Bri­sanz der Lage und die Not­wen­dig­keit schnel­ler wirt­schaft­li­cher Erfol­ge her­vor: „Wenn wir wirt­schaft­lich ver­sa­gen, dann ist die Wahr­schein­lich­keit groß, dass wir unse­re Unab­hän­gig­keit ver­lie­ren.“

Die­se Gefahr hat in Form des neu­en rus­si­schen Bot­schaf­ters in Bela­rus einen per­so­ni­fi­zier­ten Aus­druck erhal­ten: Mikhail Babitsch, ein ehe­ma­li­ger KGB-Offi­zier, war zuvor Ver­tre­ter Mos­kaus in Tsche­tsche­ni­en sowie Prä­si­den­ten­be­voll­mäch­tig­ter im süd­li­chen Wol­ga-Bezirk. Putin hat­te ihn ursprüng­lich als Bot­schaf­ter nach Kiew schi­cken wol­len, die Ukrai­ne hin­ge­gen lehn­te sei­ne Ernen­nung ab. In einem Auf­tritt im bela­rus­si­schen Fern­se­hen erklär­te Babitsch Ende Okto­ber, dass Russ­land jeden Angriff auf Bela­rus als einen Angriff auf das eige­ne Land betrach­ten wer­de. Die­se Ver­si­che­rung, die auch im Kon­text der Dis­kus­sio­nen um die Errich­tung einer Rake­ten­ab­wehr­ba­sis der NATO in Polen zu sehen ist, kann als Anspie­lung dar­auf inter­pre­tiert wer­den, dass Russ­land auf der Eröff­nung einer Mili­tär­ba­sis in Bela­rus insis­tiert, einem Wunsch, dem sich Luka­schen­ka seit Jah­ren zu wider­set­zen ver­sucht. Es ist zu ver­mu­ten, dass der Kreml die For­de­rung nach einer eige­nen Mili­tär­ba­sis in Bela­rus an die Gewäh­rung wei­te­re wirt­schaft­li­cher Unter­stüt­zung für das Land kop­peln wird. Gleich­zei­tig wird dar­über spe­ku­liert, ob eine sol­che Basis als Aus­gangs­punkt für eine erzwun­ge­ne Inkor­po­ra­ti­on von Bela­rus in die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on die­nen soll. Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker Niko­lai Stat­kie­witsch sieht die Vor­be­rei­tung für eine sol­che Ope­ra­ti­on bereits in einer fina­len Pha­se: Ein Anschluss von Bela­rus and Russ­land sei eine Fra­ge von weni­gen Mona­ten, so Stat­kie­witsch Ende Sep­tem­ber auf Face­book.

Innen­po­li­tisch hat die Effi­zi­enz des Poli­zei­staats für das Regime ange­sichts der Span­nungs­la­ge des Lan­des zwi­schen Russ­land und dem Wes­ten in kei­ner Wei­se an Bedeu­tung ver­lo­ren: Anfang August wur­den 18 Jour­na­lis­ten über­wie­gend vom renom­mier­ten Nach­rich­ten­por­tal tut​.by vor­über­ge­hend fest­ge­nom­men. Die Redak­ti­ons­räu­me von tut​.by sowie die Pri­vat­woh­nun­gen eini­ger Jour­na­lis­ten wur­den durch­sucht. Die Repres­sio­nen gegen die unab­hän­gi­ge Pres­se wur­den damit begrün­det, dass die Jour­na­lis­ten die Inter­net-Sei­te der staat­li­chen Nach­rich­ten­agen­tur „Bel­ta“ gehackt und von dort Infor­ma­tio­nen ver­wen­det hät­ten, ohne eine Nut­zungs­ge­bühr an Bel­ta ent­rich­tet zu haben. Der Vor­wurf erscheint absurd, da Bel­ta so gut wie nicht von unab­hän­gi­gen Jour­na­lis­ten und schon gar nicht von tut​.by als Nach­rich­ten­quel­le ver­wen­det wird. Tut​.by ist mit monat­lich 89 Mio. Besu­chern auf sei­ner Inter­net­sei­te das mit Abstand am meis­ten gele­se­ne Online-Medi­um in Bela­rus, die Inter­net­sei­te von Bel­ta wird im Monat von ledig­lich 4,6 Mio. Lesern besucht.

Die Ver­meh­rung von offi­zi­el­len Kon­tak­ten mit der Euro­päi­schen Uni­on und ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten im Jahr 2018 ent­spricht der Inter­es­sen­la­ge des Lan­des, ohne aller­dings als Anzei­chen für eine sub­stan­ti­el­le Ori­en­tie­rung zum Wes­ten gewer­tet wer­den zu kön­nen.

Dem­entspre­chend waren kon­kre­te Fort­schrit­te in den Bezie­hun­gen zwi­schen Bela­rus und der EU im Jahr 2018 nicht zu ver­zeich­nen. Eine 2016 ein­ge­rich­te­te EU-Bela­rus Koor­di­nie­rungs­grup­pe traf sich regel­mä­ßig, jedoch ohne greif­ba­re Ergeb­nis­se. Bela­rus­si­sche Par­la­men­ta­ri­er dür­fen wei­ter­hin nicht an Euro­nest teil­neh­men, einer Par­la­men­ta­ri­schen Ver­samm­lung der EU mit Ver­tre­tern aus den Par­la­men­ten der Län­der der Euro­päi­schen Nach­bar­schaft.

Ange­sichts des Umstan­des, dass die nach dem Staats­streich von Luka­schen­ka im Novem­ber 1996 beschlos­se­nen Sank­tio­nen der euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen wie auch der USA fort­be­stehen, zu denen auch die Sus­pen­die­rung des Rati­fi­ka­ti­ons­pro­zes­ses für den „Part­ner­schafts- und Koope­ra­ti­ons­ver­trag zwi­schen der Euro­päi­schen Uni­on und Bela­rus“ gehört, ist das Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al der Wirt­schafts­be­zie­hun­gen wei­ter­hin beschränkt. Von nicht gerin­ge­rer Bedeu­tung ist die nega­ti­ve Hal­tung der von staat­li­cher Pla­nung und Kon­trol­le gepräg­ten bela­rus­si­schen Wirt­schafts­po­li­tik gegen­über aus­län­di­schen Unter­neh­mens­in­ves­ti­tio­nen. Die Rah­men­be­din­gun­gen des Staa­tes für sol­che Inves­ti­tio­nen sind nicht attrak­tiv.

Bei den Ver­hand­lun­gen über eine Visa­frei­heit für bela­rus­si­sche Bür­ger für den Schen­gen-Raum oder zumin­dest eine Redu­zie­rung der Visa­ge­büh­ren wird der EU vor­ge­wor­fen, Bela­rus vor höhe­re Hür­den zu stel­len, als sie für Russ­land, Aser­bai­dschan oder Arme­ni­en bestan­den hat­ten. Die Begrün­dung der EU-Bot­schaf­te­rin in Minsk, dass sich die Zei­ten geän­dert hät­ten, klingt dabei nicht beson­ders über­zeu­gend. Yury Zis­ser, der Begrün­der und Inha­ber von tut​.by, erklär­te in die­sem Zusam­men­hang, dass – wenn die EU tat­säch­lich Inter­es­se an einem demo­kra­ti­schen Bela­rus hät­te, und zwar nicht nur in Wor­ten, son­dern auch in Taten – sie den Bela­rus­sen schon längst visa­frei­es Rei­sen nach Euro­pa ermög­licht hät­te. Im Gegen­satz zur Euro­päi­schen Uni­on gewährt Bela­rus heu­te Besu­chern aus allen euro­päi­schen und eini­gen ande­ren Län­dern 21 Tage visa­frei­es Rei­sen nach Bela­rus, solan­ge die Ein­rei­se über den inter­na­tio­na­len Flug­ha­fen in Minsk erfolgt.

In Jah­re 2019 soll der ers­te Reak­tor des in Ost­ro­vets in Koope­ra­ti­on mit Russ­land errich­te­ten Atom­kraft­werks in Betrieb genom­men wer­den. Im Jah­re 2020 folgt der zwei­te Reak­tor. Zusam­men wer­den die bei­den Reak­to­ren eine Leis­tung von 2400 MW erbrin­gen. Die Kre­di­te für die­sen etwa 11 Mrd. US-Dol­lar kos­ten­den Atom­mei­ler wer­den von Russ­land bzw. der Eura­si­schen Wirt­schafts­uni­on bereit­ge­stellt.

Im Lich­te der Tscher­no­byl-Kata­stro­phe von 1986 blei­ben unter der Bevöl­ke­rung die Sor­gen wegen eines mög­li­chen wei­te­ren Nukle­ar­un­falls bestehen.

Das Kraft­werk wird die Wirt­schaft des Lan­des sehr stark ver­än­dern. Die finan­zi­el­le Abhän­gig­keit von Russ­land hat damit eine neue Dimen­si­on erhal­ten.

Die Bedeu­tung von Erd­gas für die Ener­gie­ver­sor­gung und für die Wirt­schaft des Lan­des nimmt ab. Ob die Ener­gie des Atom­mei­lers zu kos­ten­güns­ti­ge­ren Bedin­gun­gen ange­bo­ten wer­den kann, hängt von der Ent­wick­lung des Prei­ses auf dem Erd­öl- und Erd­gas­sek­tor sowie von den Finan­zie­rungs­kos­ten des Mei­lers ab. Es ist eine offe­ne Fra­ge, ob Bela­rus erfolg­reich zu einem Strom­aus­fuhr­land wer­den kann. An der Ener­gie­ge­mein­schaft der Euro­päi­schen Uni­on und wei­te­rer euro­päi­scher Staa­ten zur Schaf­fung eines gemein­sa­men Ener­gie­mark­tes ist Bela­rus der­zeit nicht betei­ligt.

In Trosti­nez – einem in der Nähe von Minsk gele­ge­nen Gebiet – ist nach mehr­jäh­ri­gen Vor­ar­bei­ten am 29. Juni 2018 in Anwe­sen­heit des bela­rus­si­schen Prä­si­den­ten und der Prä­si­den­ten aus Deutsch­land und Öster­reich ein Mahn­mal „Der Weg des Todes“ im Wald von Bla­gowscht­schi­na für die hier ermor­de­ten Juden aus Deutsch­land und Öster­reich sowie für die in die­sem Gebiet ermor­de­ten Sowjet­bür­ger ein­ge­weiht wor­den. Eine deutsch-bela­rus­si­sche Aus­stel­lung „Ver­nich­tungs­ort Malyj Trosti­nez“ ist in Deutsch­land und Bela­rus der Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht wor­den. Im Rah­men der in Minsk schon vor Jah­ren gebil­de­ten „Geschichts­werk­statt“ fin­den zahl­ei­che Begeg­nun­gen statt, die der Auf­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit und der heu­ti­gen zukunfts­ori­en­tier­ten Ver­stän­di­gung zwi­schen den Men­schen bei­der Län­der die­nen.

Die ein­drucks­vol­le bau­li­che Kulis­se der Haupt­stadt Minsk unse­rer Tage steht in dia­me­tra­lem Gegen­satz zur wirt­schaft­li­chen und geis­ti­gen Sta­gna­ti­on, die das poli­ti­sche Sys­tem des Lan­des prägt. Dar­an kann auch die erfolg­rei­che Durch­füh­rung inter­na­tio­na­ler Wett­kämp­fe oder der Jah­res­ver­samm­lung der Par­la­men­ta­ri­schen Ver­samm­lung der OSZE nichts ändern. Es blei­ben Ereig­nis­se ohne Tie­fen- und Lang­zeit­wir­kung.

Dem Betrach­ter drängt sich der Ein­druck auf, dass Bela­rus in spät-sowje­ti­scher Staat­lich­keit erstarrt ist und die Fort­set­zung die­ses Zustan­des über die Amts­zeit des heu­ti­gen Prä­si­den­ten hin­aus durch Erb­fol­ge auf den Sohn „ver­ewigt“ wer­den soll.

Dane­ben gibt es unab­hän­gi­ges gesell­schaft­li­ches Leben, das unter­halb der poli­ti­schen Hand­lungs­ebe­ne gedul­det wird, und in dem sich Leis­tungs- und Hand­lungs­po­ten­zi­al ent­wi­ckelt, das sich eines Tages den Weg an die Macht bah­nen könn­te.

Empfehlungen:

Im Lich­te der beschrie­be­nen gesell­schafts­po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung in Bela­rus im Jahr 2018 sind fol­gen­de Punk­te emp­feh­lend her­vor­zu­he­ben:

  • Abschaf­fung von Visums­be­schrän­kung: Die EU soll­te den Men­schen in Bela­rus durch eine beschleu­nig­te Ein­füh­rung von Rei­se­frei­heit zei­gen, dass sie in Euro­pa will­kom­men sind und somit aktiv zu einer wei­te­ren Öff­nung der Gesell­schaft bei­tra­gen. Das in den letz­ten Jah­ren mög­lich gewor­de­ne visa­freie Rei­sen für Ukrai­ner, Geor­gi­er und Mol­dau­er hat dazu geführt, dass das Anse­hen der EU in die­sen Län­dern nach­hal­tig gestie­gen ist.
  • KMU-För­de­rung: Das im August 2018 von der Regie­rung ange­kün­dig­te Staats­pro­gramm zur För­de­rung klei­ner und mitt­le­rer Unter­neh­men in Bela­rus soll­te kon­kre­te Schrit­te und Fris­ten zur Umset­zung beinhal­ten und unter Ein­be­zie­hung west­li­cher Erfah­run­gen der Mit­tel­stands­för­de­rung rea­li­siert wer­den. Ein star­ker KMU-Sek­tor erhöht die Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit der bela­rus­si­schen Wirt­schaft und senkt die Abhän­gig­keit von Russ­land oder von Chi­na.
  • Unter­stüt­zung kri­ti­scher Stim­men: Unab­hän­gi­ge oder regime­kri­ti­sche Akteu­re ste­hen in Bela­rus wei­ter­hin unter Druck und kön­nen sich in der Gesell­schaft nur schwer Gehör ver­schaf­fen. Sie sind immer noch auf die Unter­stüt­zung durch den Wes­ten ange­wie­sen. Da sie gleich­zei­tig ein wich­ti­ges gesell­schaft­li­ches Kapi­tal für die post-auto­ri­tä­re Peri­ode in Bela­rus sind, soll­te die EU wei­ter­hin För­der­pro­gram­me für kri­ti­sche Jour­na­lis­ten, Akti­vis­ten, Oppo­si­tio­nel­le, Ana­ly­ti­ker, Wis­sen­schaft­ler, NGO-Ver­tre­ter oder Kul­tur­schaf­fen­de anbie­ten.
  • Bewusst­sein für die Gefähr­dung der Unab­hän­gig­keit von Bela­rus: Die destruk­ti­ve und aggres­si­ve Poli­tik der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on in Ost­eu­ro­pa lässt die Sor­ge wach­sen, dass die Unab­hän­gig­keit von Bela­rus etwa im Fal­le einer selbst­be­stimm­ten Ent­schei­dung des Lan­des für eine Ver­tie­fung der Bezie­hun­gen zur EU bedroht ist. Die euro­päi­schen Ent­schei­dungs­trä­ger soll­ten sich nicht nur die­ser aku­ten und fort­ge­setz­ten Bedro­hung, son­dern auch des Wer­tes und der Bedeu­tung der Unab­hän­gig­keit von Bela­rus für Euro­pa bewusst sein und die­ses auch öffent­lich for­mu­lie­ren. An dem Ziel einer Ver­tie­fung der Bezie­hung soll­te, soweit sie Demo­kra­tie und Men­schen­rech­te in Bela­rus stärkt und gesell­schaft­li­che Frei­räu­me erwei­tert, gleich­wohl fest­ge­hal­ten wer­den.  

Ber­lin, Janu­ar 2019

Hans-Georg Wieck
Vor­sit­zen­der

Ste­fa­nie Schif­fer
Stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de

Chris­toph Becker
Schatz­meis­ter

Ste­phan Male­ri­us
Bei­sit­zer