Ein Rei­se­be­richt von Ste­phan Male­ri­us.

Es war mei­ne ers­ten Rei­se nach Minsk seit Novem­ber 2011 und mein ers­ter Minsk-Besuch über­haupt, für den ich kein Visum benö­tig­te. Ohne Visum kann man seit Anfang des Jah­res über den Flug­ha­fen Minsk ein­rei­sen, maxi­ma­le Auf­ent­halts­dau­er sind fünf Tage. Das Ver­fah­ren scheint bereits ein­ge­übt, kei­ner­lei Nach­fra­gen bei der Pass­kon­trol­le, ledig­lich eine Kran­ken­ver­si­che­rung für Bela­rus ist vor­zu­zei­gen. Ist das nicht mög­lich, kann die not­wen­di­ge Kran­ken­ver­si­che­rungs­po­li­ce für 1 Euro pro Tag an einem zehn Meter ent­fern­ten Schal­ter erwor­ben wer­den. Alles ist effi­zi­ent orga­ni­siert, dau­ert kei­ne fünf Minu­ten; gezahlt wer­den kann in Euro, Wech­sel­geld – auch in Euro – gibt es sogar in Mün­zen.

Wer sich an die neu­en Spiel­re­geln hält, für den ver­läuft die Ein­rei­se nach Bela­rus bis­lang unge­kannt nor­mal, Regel­ver­stö­ße wer­den aller­dings dra­ko­nisch geahn­det: Arg­lo­se kana­di­sche Tou­ris­ten, die zwar uhr­zeit­lich nur fünf Tage (5 x 24 Stun­den), kalen­da­risch jedoch sechs Tage blie­ben, soll­ten um 1.000 Euro Stra­fe zah­len. Und über den Minsk-Flug­ha­fen ohne Visum ein­rei­sen und per Zug oder Bus Rich­tung Vil­ni­us oder War­schau das Land wie­der ver­las­sen, das geht auch nicht.

Wei­ter­hin bemer­kens­wert bei der Flug-Anrei­se nach Minsk: Das Flug­zeug (Direkt­flug von Ber­lin) war nicht ein­mal zu einem Drit­tel gefüllt. Ansa­gen wäh­rend des Flu­ges nur in Bela­rus­sisch und Eng­lisch (kein Rus­sisch), und bei der Lan­dung in Minsk stand an einem Nach­bar­ga­te eine unge­wöhn­lich bemal­te Bela­via-Maschi­ne mit der stol­zen Auf­schrift „World of tanks – the game from Bela­rus – enjoy­ed world­wi­de“. Ein pri­va­ter Geschäfts­er­folg von fin­di­gen bela­rus­si­schen Com­pu­ter­spe­zia­lis­ten, den sich die staat­li­che Flug­li­nie auf ihre Flug­zeu­ge schreibt.

Minsk hat sich sicht­bar ver­än­dert in den letz­ten fünf Jah­ren, was ver­mut­lich vor allem der Eis­ho­ckey-Welt­meis­ter­schaft von 2014 geschul­det ist. Es gibt sehr viel mehr Hotels in allen Preis­seg­men­ten, ver­teilt über die gesam­te Stadt. Eini­ge sind bis heu­te nicht fer­tig­ge­stellt: Neben dem staat­li­chen Zir­kus an der Unab­hän­gig­keits­stra­ße (Pras­pekt Nezha­lez­nos­ti), unmit­tel­bar im Zen­trum der Haupt­stadt steht ein von rus­si­schen Inves­to­ren begon­ne­ner Hotel­bau, für den ein Teil des benach­bar­ten Kupa­la-Parks wei­chen muss­te – gegen den Pro­test vie­ler Bür­ger. Nach der Krim-Anne­xi­on und dem Krieg Russ­land im Osten der Ukrai­ne fehl­te dem Inves­tor offen­bar das Geld, das Vor­ha­ben zu voll­enden. Wei­te­re bemer­kens­wert Ver­än­de­run­gen am Pro­spekt der Sie­ger (Pras­pekt Pera­moz­cau), der Aus­fall­stra­ße nach Nord­wes­ten in Rich­tung Droz­dy, dem Stadt­teil mit der städ­ti­schen Resi­denz von Lukas­hen­ka und den Vil­len zahl­rei­cher Ver­trau­ter: Die Stra­ße wird gesäumt von vie­len neu­en Gebäude-„landmarks“ der Stadt: einer neu­en Prä­si­di­al­ad­mi­nis­tra­ti­on, in der Lukas­hen­ka arbei­tet, einer gro­ßen Indoor-Fuß­ball­are­na, meh­re­ren Hotels, einer Shop­ping-Mall, bis zu einem neu­en Aqua-Park unmit­tel­bar vor den Toren der Stadt. Für die meis­ten Neu­bau­ten gaben aus­län­di­sche Inves­to­ren – zumeist aus Russ­land oder Chi­na – das Geld. Unklar bleibt, wie die neu­en Hotel­ka­pa­zi­tä­ten aus­ge­las­tet wer­den sol­len (sie­he Aus­las­tung des Direkt­flu­ges aus Ber­lin), loka­le Beob­ach­ter erwar­ten kei­ne neu­en Tou­ris­ten­strö­me in abseh­ba­rer Zukunft.

Sicht­bar ist, dass auch neu­er Wohn­raum in Minsk ent­steht, aller­dings ver­kün­de­te der Prä­si­dent kürz­lich, dass das nicht mehr nötig sei, da die Ein­woh­ner­zahl der Haupt­stadt nicht mehr signi­fi­kant wach­se. Die durch­schnitt­li­chen Qua­drat­me­ter­prei­se lie­gen um das drei- bis vier­fa­che eines bela­rus­si­schen Durch­schnitts­lohns, die Woh­nun­gen sind für Bela­rus­sen uner­schwing­lich und wer­den über­wie­gend von Rus­sen und ande­ren Aus­län­dern erwor­ben. Neben den vie­len Bau­stel­len ist wei­ter­hin auf­fäl­lig, dass es im Ver­gleich zu vor fünf Jah­ren sehr viel mehr Fahr­rä­der in der Stadt gibt: Fahr­rad­fah­ren ist Mode, abends oder am Wochen­en­de, aber durch­aus auch im All­tag, wo län­ge­re Wege zur und von der Metro ger­ne mit dem Fahr­rad zurück­ge­legt wer­den; auch ers­te Fahr­rad­we­ge und -schnell­stra­ßen sind ent­stan­den. Dazu passt: ein zen­trums­na­her Indus­trie­be­zirk, in dem teil­wei­se immer noch pro­du­ziert wird (wie im „Hefe­kom­bi­nat“), zum Teil jedoch leer steht – hier sind Künst­lern ein­ge­zo­gen, die einen leben­di­gen Sze­ne-Bezirk zu ent­wi­ckeln begin­nen mit Cafés, Aus­stel­lungs­räu­men, Kon­zert­sä­len und groß­flä­chi­gen Graf­fi­tis an den Fabrik­wän­den. Wie nach­hal­tig das ist? Solan­ge die Künst­ler kei­ne offen poli­ti­schen Posi­tio­nen bezie­hen, wer­den sie gedul­det, die Dul­dung kann aber jeder­zeit und über Nacht vor­bei sein.

Ins­ge­samt ent­wi­ckelt sich die Stadt trotz der offen­sicht­li­chen und anhal­ten­den Wirt­schafts­kri­se beein­dru­ckend: Eine drit­te Metro­li­nie wird gebaut, wäh­rend das deutsch-bela­rus­si­sche Tagungs­zen­trum IBB „Johan­nes Rau“ bereits seit eini­ger Zeit an das Metro­netz ange­bun­den und vom Zen­trum aus ein­fach zu errei­chen ist. Es liegt nicht mehr wie frü­her etwas ver­lo­ren auf einem fast stadt­rän­di­schen Feld, son­dern ist mitt­ler­wei­le von vier mar­kan­ten Wohn­hoch­haustür­men umge­ben. Das IBB behaup­tet wei­ter­hin als Kon­fe­renz- und Ver­an­stal­tungs­ort einen immer noch fast unan­ge­foch­te­nen Platz, die neu gebau­ten Hotels stel­len offen­bar kei­ne ähn­lich adäqua­te Kon­fe­renz­in­fra­struk­tur zur Ver­fü­gung.

Die Stim­mung in der Stadt bzw. im Land ist schwer zu fas­sen: Auf die Fra­ge, wel­ches The­ma momen­tan den gesell­schaft­li­chen Dis­kurs in Bela­rus bestim­me, war die Ant­wort „das Wet­ter“ (kal­ter Früh­ling). Dar­aus klin­gen nicht nur ein Rück­zug ins Pri­va­te und eine Irrele­vanz des Poli­ti­schen, son­dern auch eine Art von Schick­sals­er­ge­ben­heit, nach­dem die Pro­tes­te gegen das Para­si­ten-Gesetz aus den Schlag­zei­len ver­schwun­den sind. Auch die Fra­ge, ob es gegen­wär­tig signi­fi­kan­te „opi­ni­on lea­der“ in Bela­rus gebe, wur­de aus­wei­chend beant­wor­tet mit einem Ver­weis auf eine Umfra­ge von Andrej Yego­rov (European Trans­for­ma­ti­on Cen­ter), in der nach (gesell­schaft­li­chen) Auto­ri­tä­ten in Bela­rus gefragt wur­de: Ins­ge­samt 19 ver­schie­de­ne Per­so­nen erhiel­ten mehr oder weni­ger gleich hohe Wer­te, wor­aus spricht, dass es eigent­lich kei­ne all­ge­mein akzep­tier­ten Auto­ri­täts­per­so­nen gibt. Dazu passt: Das sozio­lo­gi­sche Insti­tut SATIO (eigent­lich: eine Mar­ke­ting Agen­tur) hat kürz­lich im Auf­trag von PACT für Bela­rus eine reprä­sen­ta­ti­ve Umfra­ge zum The­ma „Civic Liter­acy“ durch­ge­führt (ähn­li­che Umfra­ge gab es auch für Mol­dau, Ukrai­ne). Auf die Fra­ge, wer der Garant der Sou­ve­rä­ni­tät des Lan­des bzw. die Quel­le der Macht sei, ant­wor­te­ten 70% der Befrag­ten mit „der Prä­si­dent“; in der bela­rus­si­schen Ver­fas­sung hin­ge­gen steht, dass alle Macht vom Volk aus­geht. Der KGB, von der Umfra­ge Kennt­nis erlan­gend, war nicht erfreut von den Mei­nun­gen der Respon­den­ten, ließ die Kiew gedruck­ten Exem­pla­re der Stu­die an der bela­rus­sisch-ukrai­ni­schen Gren­ze kon­fis­zie­ren und wur­de bei Satio vor­stel­lig.

In die­sem Zusam­men­hang: Neben Satio, das eher kom­mer­zi­el­le, denn poli­ti­sche Auf­trä­ge annimmt, exis­tie­ren kei­ne unab­hän­gi­gen sozio­lo­gi­schen Insti­tu­te mehr. Das Inde­pen­dent Insti­tu­te of Socio-Eco­no­mic and Poli­ti­cal Stu­dies (IISSEPS), das lan­ge Zeit monat­li­che Umfra­ge zu gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Trends ver­öf­fent­lich hat­te, ist kom­plett auf­ge­löst. Der ehe­ma­li­ge Insti­tuts­lei­ter Mana­ev ist in die USA exi­liert, nach­dem IISSEPS und sei­ne Umfra­ge­teams von bela­rus­si­schen Behör­den unter mas­si­ven Druck gesetzt wor­den sind. Beim von Andrej Var­da­mat­ski gegrün­de­ten Novak-Labo­ra­to­ri­um ist es frag­lich, ob die­ses in Bela­rus noch Struk­tu­ren besit­zen, die reprä­sen­ta­ti­ve Umfra­gen durch­zu­füh­ren imstan­de sind. Die Par­tei­en der demo­kra­ti­schen Oppo­si­ti­on: spie­len offen­sicht­lich kei­ne Rol­le mehr, besit­zen kaum rea­len Bezug zur gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit im Land und wer­den von Vie­len als ledig­lich vom Wes­ten am Leben gehal­te­ne Kon­struk­te ange­se­hen. Das ist grund­sätz­lich nichts Neu­es, nur war bis­lang das Aus­maß die­ses Miss­ver­hält­nis­ses nicht so augen­fäl­lig.

Die Stim­mung im Land scheint unein­deu­tig, und zwar nicht nur von außen. Das zei­gen zwei wider­sprüch­li­che Fäl­le: Vor kur­zem wur­de vor dem Gebäu­de des Innen­mi­nis­te­ri­ums ein Denk­mal zu Ehren eines gewöhn­li­chen Poli­zis­ten aus der rus­si­schen Zaren­zeit ein­ge­weiht. War­um das Denk­mal auf­ge­stellt wur­de und wofür es steht, war­um damit auf die Zaren­zeit rekur­riert wird, erschließt sich nicht, passt aber zum amtie­ren­den Innen­mi­nis­ter, der sich an Fei­er­ta­gen ger­ne in einer extra geschnei­der­ten NKWD-Uni­form in der Öffent­lich­keit zeigt, die er aus eige­nem Bekun­den trägt, weil sie so kleid­sam ist. Wjat­sches­law Kosi­ne­row, ein stadt­be­kann­ter, beken­nen­der Anar­chist, leg­te dem Denk­mal zwei Wochen nach sei­ner Ein­wei­hung eine Schlin­ge um den Hals, womit er aus­drü­cken woll­te, was sei­ner Mei­nung nach den Hand­lan­gern repres­si­ver Sys­te­me erwar­tet. Die „Per­for­mance“ wur­de von Über­wa­chungs­ka­me­ras gefilmt, Kosi­ne­row fest­ge­nom­men, in Unter­su­chungs­haft miss­han­delt und schließ­lich zu einer län­ge­ren Haft­stra­fe ver­ur­teilt.

Dem steht die ver­än­der­te Bedeu­tung des Bela­rus­si­schen im öffent­li­chen Raum und in der gesell­schaft­li­chen Wahr­neh­mung gegen­über: Bela­rus­sisch ist in den letz­ten Mona­ten, viel­leicht auch Jah­ren zu einer Mode­er­schei­nung gewor­den. Das Image des rück­stän­disch-pro­vin­zi­el­len, dörf­lich-hin­ter­wäld­le­ri­schen, das der Spra­che über Jahr­zehn­te anhaf­te­te, ist nicht mehr vor­herr­schend. Die Spra­che wird mehr und mehr in der Wer­bung ver­wen­det, wo sie – ein Zei­chen von „Cool­ness“ – in prak­tisch allen Bevöl­ke­rungs­schich­ten eine brei­te Aner­ken­nung genießt. Dazu passt, dass der bela­rus­si­sche Bei­trag auf dem Euro­vi­si­on Song Con­test Mit­te Mai auf Bela­rus­sisch und nicht Rus­sisch oder Eng­lisch vor­ge­tra­gen wur­de; oder der von Vik­tor Mar­ti­no­witsch 2016 auch in deut­scher Über­set­zung erschie­ne­ner Roman „Mowa“ (bela­rus­sisch: die Spra­che), in dem es u.a. um klei­ne, sub­ver­si­ve auf Bela­rus­sisch geschrie­be­ne Brief­chen geht, die in einem auto­ri­tä­ren poli­ti­schen Umfeld wie ein berau­schen­de Dro­ge wir­ken.

Fazit: Viel­leicht ist die Unein­deu­tig­keit das Cha­rak­te­ris­ti­sche an der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on in Bela­rus. Aller­dings ist das nichts wirk­lich Neu­es. Unein­deu­tig­keit hat es in den letz­ten 20 Jah­ren eigent­lich immer gege­ben, viel­leicht in unter­schied­lich star­ken Aus­prä­gun­gen. Die bela­rus­si­sche Gesell­schaft besitzt durch­aus Inno­va­ti­ons­kraft und die Auto­no­mie, im All­tag moder­ni­sie­ren­de Ver­än­de­run­gen vor­an­zu­trei­ben. Die gro­ßen Lini­en wer­den aller­dings von dem auto­ri­tä­ren Regime bestimmt, das im Klei­nen Frei­räu­me gestat­tet, so die­se nicht gefähr­lich und unpo­li­tisch sind, und es behält sich wei­ter­hin sich vor, das Sys­tem und die Rah­men zu bestim­men, in denen die Gesell­schaft funk­tio­nie­ren darf.

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