Der Ver­ein „Men­schen­rech­te in Bela­rus e.V.“ hat am 28. Janu­ar 2007 sein aktua­li­sier­tes Stra­te­gie­pa­pier zu Bela­rus ver­öf­fent­licht. Die­ses Papier ist eine Neu­fas­sung des im April 2006 ver­ab­schie­de­ten Stra­te­gie­pa­piers.

I. Bela­rus: Herr­schaft auf der Grund­la­ge von Wahl­fäl­schung und pri­vi­le­gier­ten Wirt­schafts­be­zie­hun­gen mit der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on

1. Wahl­fäl­schun­gen

Im Novem­ber 1996 hat Alex­an­der Luka­schen­ko im Wege eines Ver­fas­sungs­coups die demo­kra­ti­schen Struk­tu­ren und die unab­hän­gi­ge Gerichts­bar­keit als Grund­la­ge des Schut­zes des Indi­vi­du­ums gegen­über staat­li­cher Will­kür auf­ge­ho­ben. Seit­her konn­ten in Bela­rus kei­ne frei­en Wah­len mehr durch­ge­führt wer­den, die inter­na­tio­na­len Kri­te­ri­en genügt hät­ten. Auch die am 14. Janu­ar 2007 durch­ge­führ­ten Gemein­de- und Kreis­wah­len wur­den mas­siv mani­pu­liert und die Ent­fal­tung der poli­ti­schen und der gesell­schaft­li­chen Oppo­si­ti­on nach­hal­tig behin­dert. Sei­ne Ergeb­nis­fäl­schung der Prä­si­dent­schafts­wah­len vom 19. März 2006 hat Alex­an­der Luka­schen­ko im Dezem­ber 2006 öffent­lich zuge­ge­ben.

Die weiß­rus­si­sche Bevöl­ke­rung wird durch Luka­schen­kos Macht­ap­pa­rat umfas­send ein­ge­schüch­tert und ist in wei­ten Tei­len wirt­schaft­lich von der Staats­füh­rung abhän­gig. Die pri­va­ten Unter­neh­men sind von staat­li­chen Auf­trä­gen abhän­gig; unab­hän­gi­ge Medi­en kön­nen nur dank aus­län­di­scher Unter­stüt­zung eine mar­gi­na­le Exis­tenz fris­ten, ihre Arbeit wird durch viel­fäl­ti­ge, oft will­kür­li­che Behin­de­run­gen durch staat­li­che Stel­len erheb­lich ein­ge­schränkt.

Unab­hän­gi­ge Mei­nungs­um­fra­gen las­sen erken­nen, dass die Bevöl­ke­rung eine aus­ge­wo­ge­ne Poli­tik der Zusam­men­ar­beit mit der Euro­päi­schen Uni­on und mit Russ­land anstrebt, ohne die staat­li­che Unab­hän­gig­keit in Fra­ge stel­len zu wol­len.

2. Pri­vi­le­gier­te Wirt­schafts­be­zie­hun­gen mit Mos­kau und die poli­ti­schen Fol­gen

Der im Ver­gleich zur Lage in der Ukrai­ne und in Russ­land bestehen­de rela­tiv höhe­re wirt­schaft­li­che Lebens­stan­dard der Mas­se der Bevöl­ke­rung beruht auf den finan­zi­el­len und damit wirt­schaft­li­chen Vor­tei­len, die Bela­rus bis­lang in gro­ßem Umfang und wei­ter­hin in beacht­li­chem Umfang aus pri­vi­le­gier­ten Bezie­hun­gen zur Rus­si­schen Föde­ra­ti­on in Ver­bin­dung mit den Rege­lun­gen genießt, die zur Uni­on zwi­schen den bei­den Staa­ten füh­ren sol­len. Trotz aktu­el­ler Abgren­zun­gen, die Luka­schen­ko zu Russ­land zieht, bleibt die Unab­hän­gig­keit des weiß­rus­si­schen Staa­tes poten­zi­ell gefähr­det.

Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass Mos­kau wirt­schaft­li­che Pri­vi­le­gi­en und Vor­tei­le mit dem Ziel der wirt­schaft­li­chen und letzt­lich poli­ti­schen Inte­gra­ti­on ein­räumt, die­se aber zurück­nimmt, falls sich Bela­rus die­sem rus­si­schen Druck zu ent­zie­hen ver­sucht. Luka­schen­ko kann sich gegen­über der eige­nen Bevöl­ke­rung nur im Wege der ste­ten Ver­meh­rung, zumin­dest der Erhal­tung des gegen­wär­ti­gen Lebens­ni­veaus durch­set­zen. Nur ein klei­ner Teil der Bevöl­ke­rung wird unter Ver­zicht auf den erreich­ten Stan­dard auf die Bar­ri­ka­den gehen, um die Unab­hän­gig­keit gegen­über poli­ti­schem und wirt­schaft­li­chem Druck der rus­si­schen Regie­rung zu ver­tei­di­gen.

Es ist mehr als frag­lich, ob Luka­schen­ko im Inter­es­se der Unab­hän­gig­keit von Bela­rus gegen­über rus­si­schem Druck und unter Ver­zicht auf bis­her ein­ge­räum­te wirt­schaft­li­che Pri­vi­le­gi­en einen West­kurs mit demo­kra­ti­scher Öff­nung und der Ein­lei­tung markt­wirt­schaft­li­cher Refor­men mit dem Ziel ein­schla­gen wird, auf die­sem Wege sei­ne Macht­stel­lung zu sta­bi­li­sie­ren. Bei frei­en, also nicht mani­pu­lier­ten Wah­len wür­de Luka­schen­ko mit einem sol­chen Pro­gramm wahr­schein­lich die Wah­len ver­lie­ren.

Vor­der­grün­di­ge wirt­schaft­li­che Vor­tei­le für einen erheb­li­chen Teil der Bevöl­ke­rung sicher­ten dem Regime bis­lang die Ober­hand unge­ach­tet der Nach­tei­le, die vie­le Bür­ger auf Grund von Unter­drü­ckung und staat­li­chen Will­kür – vor allem in den Gerich­ten, in den Straf­voll­zugs­an­stal­ten und in den Unter­su­chungs­an­stal­ten erlei­den. Luka­schen­ko könn­te die­se Linie unter Preis­ga­be der wirt­schaft­li­chen Unab­hän­gig­keit – ein­schließ­lich der Wäh­rung mit Gesicht wah­ren­den for­ma­len Rege­lun­gen fort­füh­ren. Die neu­en Rah­men­be­din­gun­gen für die wirt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen mit Mos­kau ent­hal­ten immer noch erheb­li­che Preis- und Markt­vor­tei­le für Bela­rus.

3. Unab­hän­gi­ge OSZE-Wahl­be­ob­ach­tung unter Druck – West­li­che Sank­tio­nen gegen das Regime wir­kungs­los

Die Wahl­be­ob­ach­ter der OSZE haben auch im Jah­re 2006, wie schon im Jah­re 2001, schwe­re Beein­träch­ti­gun­gen des Wahl­gangs und Ver­let­zun­gen des Wahl­ge­set­zes sowie der OSZE Stan­dards bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len fest­ge­stellt. Mos­kau und Minsk kri­ti­sie­ren die­se Berich­te laut­stark und for­dern die Besei­ti­gung oder Ände­rung der OSZE-Pra­xis, inter­na­tio­na­le Wahl­be­ob­ach­tung zu orga­ni­sie­ren. Möch­ten die EU-Staa­ten auch mit Blick auf ande­re „Pro­blem­staa­ten“ in der OSZE die wich­ti­gen Ver­ein­ba­run­gen über inter­na­tio­na­le Wahl­be­ob­ach­tung auf­recht­erhal­ten, müs­sen sie jetzt zei­gen, dass es Gren­zen euro­päi­scher Zuge­ständ­nis­se gibt.

Unge­ach­tet der poli­ti­schen Sank­tio­nen, die von der Euro­päi­schen Uni­on und ande­ren euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen und Regie­run­gen gegen das Luka­schen­ko-Regime nach 1996 ver­hängt wur­den, nach­dem der frei gewähl­te Luka­schen­ko im Jah­re 1996 einen Ver­fas­sungs­coup mit dem Ziel der poli­ti­schen Eli­mi­nie­rung der Oppo­si­ti­on und der Stär­kung des aus der frü­he­ren Sowjet­uni­on über­nom­me­nen per­so­nel­le Nomen­kla­tur erzwun­gen hat­te, haben die Euro­päi­sches Uni­on eben­so wie die Mit­glied­staa­ten es bis­lang unter­las­sen, die poli­ti­sche Oppo­si­ti­on und die in den Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­an­ker­te gesell­schaft­li­che Oppo­si­ti­on sys­te­ma­tisch zu för­dern. Es man­gelt an einer pro-akti­ven Stra­te­gie, die sich auch als sol­che nach außen dar­stellt.

Wäh­rend Mos­kau mit Gewäh­rung oder Ent­zug wirt­schaft­lich rele­van­ter Ver­güns­ti­gun­gen in Bela­rus Poli­tik machen kann, und Poli­tik macht, hat die Euro­päi­sche Uni­on neben Sank­tio­nen bzw. Demo­kra­tie­for­de­run­gen gegen­über dem Regime kei­ne ope­ra­tiv nutz­ba­re pro-akti­ve Poli­tik für die unter Druck befind­li­che Zivil­ge­sell­schaft zur Hand, die sich dem demo­kra­ti­schen und rechts­staat­li­chen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess ver­schrie­ben hat.

II. Die Euro­päi­sche Uni­on ohne poli­ti­sche Stra­te­gie für Bela­rus – Quo vadis GASP?

1. Euro­pas unpo­li­ti­sches Enga­ge­ment mit der Regie­rung und der Zivil­ge­sell­schaft in Bela­rus

Die Euro­päi­sche Uni­on und ihre Mit­glied­staa­ten for­dern seit mehr als einem Jahr­zehnt von der Luka­schen­ko-Regie­rung die Beach­tung der OSZE-Maß­stä­be für den demo­kra­ti­schen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess, der mit der Char­ta von Paris im Novem­ber 1991 ver­ein­bart wur­de und in vie­len Tei­len Mit­tel- und Ost­eu­ro­pas nach­hal­ti­ge demo­kra­ti­sche Ent­wick­lun­gen aus­ge­löst hat. In Bela­rus wur­den die ers­ten Ansät­ze zur Ent­wick­lung demo­kra­ti­scher Staats- und Gesell­schafts­struk­tu­ren seit 1996 von Luka­schen­ko sys­te­ma­tisch besei­tigt.

Im Novem­ber 1999 unter­zeich­ne­ten der rus­si­sche Prä­si­dent Jel­zin und der bela­rus­si­sche Prä­si­dent im Absatz 22 der OSZE-Gip­fel­er­klä­rung in Istan­bul die Ver­pflich­tung, in Zusam­men­ar­beit mit der OSZE Mis­si­on demo­kra­ti­sche Refor­men durch­zu­füh­ren (Rech­te des Par­la­ments, Pres­se­frei­heit, Unab­hän­gig­keit der Gerich­te und Unter­bin­dung straf­recht­li­cher und poli­ti­scher Unter­drü­ckung der Oppo­si­ti­on). Im Zusam­men­hang mit den Prä­si­dent­schafts­wah­len 2001 wur­den die meis­ten der ers­ten Zuge­ständ­nis­se Luka­schen­kos in Rich­tung Demo­kra­tie wie­der auf­ge­ho­ben. Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker wur­den ent­führt und blei­ben ver­schol­len. Auch wenn die OSZE vie­len als schwach und mar­gi­na­li­siert erschei­nen mag: Die Auf­recht­erhal­tung von OSZE-Ver­ein­ba­run­gen kann sich auch in Zukunft als wich­tig erwei­sen. Das OSZE-Instru­men­ta­ri­um stellt einen Fort­schritt im poli­tisch bin­den­den inter­na­tio­na­len Bezie­hungs­ge­flecht dar, der nicht auf­ge­ge­ben wer­den soll­te.

Im Früh­jahr 2001 strich die Euro­päi­sche Uni­on Bela­rus von der Prio­ri­tä­ten­lis­te ihres inter­na­tio­na­len För­der­pro­gramms „Men­schen­rech­te und Demo­kra­tie“, setz­te jedoch ein begrenz­tes TACIS Pro­gramm fort, des­sen Umset­zung von der Zustim­mung der bela­rus­si­schen Regie­rung abhän­gig ist und daher für die Unter­stüt­zung demo­kra­ti­scher Oppo­si­ti­ons­grup­pen ohne Belang blieb. Die OSZE-Mis­si­on in Minsk ver­lor im Jah­re 2002 die ihr 1997 ein­ge­räum­ten Mög­lich­kei­ten zur direk­ten För­de­rung demo­kra­ti­scher Kräf­te.

2. Deutsch­lands Hal­tung

Deutsch­land för­dert in erheb­li­chem Umfang dank pri­va­ter Initia­ti­ven aber auch mit Mit­teln des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit Tscher­no­byl-bezo­ge­ne Pro­jek­te und Pro­gram­me auf den Gebie­ten der Gesund­heit und Aus­bil­dung, hält sich aber bei der Dis­kus­si­on über eine poli­ti­sche Stra­te­gie zurück, die dar­auf gerich­tet ist, der Zivil­ge­sell­schaft struk­tu­rel­le Hil­fe im Rin­gen mit dem Regime um die Durch­set­zung und Anwen­dung demo­kra­ti­scher Grund­sät­ze, vor allem fai­re und freie Wah­len zu geben. Vor allem Polen und Litau­en for­dern von der Euro­päi­schen Uni­on eine sol­che poli­ti­sche Stra­te­gie. Sie arbei­ten mit den USA und deren Bela­rus-Pro­gramm (jähr­li­cher Mit­tel­an­satz in Höhe von 25 Mill. US$) zusam­men, weil sie inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on nur auf ein gerin­ges Ver­ständ­nis sto­ßen und schon gar kei­ne Bereit­schaft zur För­de­rung einer sol­chen pro-akti­ve Poli­tik.


III. Die Euro­päi­sche Uni­on braucht eine pro-akti­ve Poli­tik für Bela­rus – für die Zivil­ge­sell­schaft

1. Ver­ba­le Unter­stüt­zung und ope­ra­ti­ve Defi­zi­te

Die euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen haben immer wie­der in Ent­schlie­ßun­gen und öffent­li­chen Erklä­run­gen die poli­ti­sche Oppo­si­ti­on unter­stützt und die Unter­drü­ckungs­maß­nah­men des Regimes gegei­ßelt, ins­be­son­de­re auch einen Bericht über die Ver­schwun­de­nen erstel­len las­sen (Pour­gourides-Bericht der Par­la­men­ta­ri­schen Ver­samm­lung des Euro­pa­rats), aber sie haben sich – aus einer Rei­he von Grün­den – sehr zurück­ge­hal­ten, sobald es sich um die Ent­wick­lung einer kohä­ren­ten poli­ti­schen Stra­te­gie zur unmit­tel­ba­ren Unter­stüt­zung von Demo­kra­tie und Frei­heit in Bela­rus han­delt.

Die Zurück­hal­tung lässt sich viel­fäl­tig erklä­ren, u.a. mit

  • der Rück­sicht­nah­me auf Russ­land, das in Sachen Demo­kra­tie und poli­ti­sche Frei­hei­ten selbst kri­tik­wür­dig ist – eben­so wie ande­re Nach­fol­ge­staa­ten der Sowjet­uni­on
  • der feh­len­den Erfah­rung auf der euro­päi­schen Ebe­ne, das viel­fäl­ti­ge Instru­men­ta­ri­um unmit­tel­ba­re­rer För­de­rung von Oppo­si­ti­ons­kräf­ten in Bela­rus oder jedem ande­ren Land hin­ter dem Rücken der Regie­rung anzu­wen­den, sowie aus
  • Furcht vor Euro­pa-Aspi­ra­tio­nen von Bela­rus (EU-Mit­glied­schaft).

Über­wie­gend sehen die euro­päi­schen Sach­ver­stän­di­gen, aber auch die Regie­rungs-Struk­tu­ren das Bela­rus­pro­blem als eine Fra­ge an, die allen­falls für die unmit­tel­ba­ren Nach­barn (Polen, Litau­en, Ukrai­ne, Russ­land) von Bedeu­tung ist, aber nicht für die EU als Gan­zes. Allen­falls könn­te man mit Mos­kau über den Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zess in Bela­rus spre­chen.

2. Pro-akti­ve Demo­kra­tie­för­de­rung in Bela­rus – kein The­ma für Euro­pa

Die Nach­tei­le des gerin­gen Direk­t­enga­ge­ments gegen­über und mit den Oppo­si­ti­ons­struk­tu­ren lie­gen auf der Hand:

Die Oppo­si­ti­on fühlt sich von Euro­pa und den Mit­glied­staa­ten im Rin­gen mit dem auto­ri­tä­ren Regime allein gelas­sen – außer im Ver­ba­len. Euro­pa ver­liert an Glaub­wür­dig­keit in Fra­gen der Aus­ein­an­der­set­zung mit unde­mo­kra­ti­schen auto­ri­tä­ren Regi­men in Euro­pa.

Das Feld der direk­ten pro-akti­ven För­de­rung wird den USA über­las­sen, eine Unter­stüt­zung aller­dings, die wegen der Irak-Situa­ti­on und der Pro­ble­ma­tik der US Gefäng­nis­se in Guan­ta­na­mo und Abu Ghraib außer­or­dent­lich „ver­wund­bar“ ist. Luka­schen­ko kann mit dem Hin­weis in sei­ner Bevöl­ke­rung „punk­ten“, wenn er einen US-Angriff auf Bela­rus nicht für undenk­bar ansieht, son­dern für wahr­schein­lich hin­stellt.

3. Ent­wick­lung eines pro-akti­ven Bela­rus-Pro­gramms der Euro­päi­schen Uni­on

Es ist not­wen­dig, dass der Euro­päi­sche Rat eine Stra­te­gie ver­ab­schie­det, die dar­auf gerich­tet ist, sowohl mit kon­kre­ten Vor­schlä­gen von der Luka­schen­ko-Regie­rung Demo­kra­tie ein­zu­for­dern, sowie mit Mos­kau zu spre­chen, als auch – und zwar gleich­zei­tig und unab­hän­gig von den Kon­tak­ten mit der Regie­rung – eine Rei­he von Pro­gram­men zu ver­ab­schie­den, die dar­auf gerich­tet sind, der unter­drück­ten Oppo­si­ti­on im Lan­de mit kon­kre­ten Maß­nah­men dabei zu hel­fen, den Men­schen im Lan­de glaub­wür­dig eine poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Alter­na­ti­ve zum Unter­drü­ckungs­staat mit Wohl­stands­zu­la­ge vor­zu­stel­len:

  • eine demo­kra­ti­sche Ord­nung,
  • eine sozi­al ver­an­ker­te Markt­wirt­schaft und
  • die Gel­tung des Rechts – auch in den Gerich­ten.

Um dies tun zu kön­nen, muss die Euro­päi­sche Uni­on neue Instru­men­ta­ri­en ent­wi­ckeln und zum Tra­gen brin­gen, mit denen die Demo­kra­tie-Stra­te­gie umge­setzt wer­den kann, u.a.:

(1) Ernen­nung eines EU-Beauf­trag­ten für die Zivil­ge­sell­schaft in Bela­rus und Bil­dung eines Bera­ter­gre­mi­ums expo­nier­ter euro­päi­scher Poli­ti­ker und Sach­ver­stän­di­ger

2) Bil­dung eines Demo­kra­tie­fonds für die Zivil­ge­sell­schaft in Bela­rus mit beson­de­ren Abwick­lungs­re­geln, die der beson­de­ren Situa­ti­on gerecht wer­den

(3) Bereit­stel­lung von elek­tro­ni­schen Platt­for­men im Aus­land (Sen­der, TV), von denen Bela­rus­sen für Bela­rus eine umfas­sen­de Infor­ma­ti­ons- und Dis­kus­si­ons­po­li­tik ins Land tra­gen kön­nen – und zwar in alle Tei­le des Lan­des

(4) Bera­tungs- und Dis­kus­si­ons­platt­for­men im Wes­ten mit ange­se­he­nen Teil­neh­mern aus Euro­pa und den Mit­glied­staa­ten für die Aus­spra­che und Kon­sul­ta­ti­on mit der poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Oppo­si­ti­on „auf glei­cher Augen­hö­he“

(5) Ent­wick­lung von Pro­gram­men, z.B. für ein­hei­mi­sche Wahl­be­ob­ach­tung, Basis-Orga­ni­sa­ti­ons-Initia­ti­ven; Unter­stüt­zung bei der Bil­dung eines infor­mel­len stän­di­gen Aus­schus­ses der Oppo­si­ti­on im Aus­land zur Vor­be­rei­tung von poli­ti­schen Koali­tio­nen für den Wahl­kampf, für die Bil­dung von Regie­run­gen und Regie­rungs­pro­gram­men

(6) Aus- und Fort­bil­dungs­plät­ze in Euro­pa für Stu­den­ten, aka­de­mi­sche Leh­rer, Wis­sen­schaft­ler, Unter­neh­mer, Poli­ti­ker, Jour­na­lis­ten, Ver­bän­de und Orga­ni­sa­tio­nen (Frau­en-Ver­bän­de, Stu­den­ten und Gewerk­schaf­ten), Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ex­per­ten und Poli­tik­wis­sen­schaft­ler)

(7) Auf deut­scher Ebe­ne ist es not­wen­dig, ein Koali­ti­ons­ge­spräch über Bela­rus her­bei­zu­füh­ren, das sich mit eini­gen grund­sätz­li­chen Fra­gen befas­sen soll­te:

    • Par­al­lel­stra­te­gie gegen­über Regie­rung und Zivil­ge­sell­schaft in Bela­rus;
    • Demo­kra­tie­för­de­rung als Mit­tel deut­scher Außen­po­li­tik in Ost­eu­ro­pa;
    • Rol­le der Poli­ti­schen Stif­tun­gen (Bil­dung eines Run­den Tisches der Poli­ti­schen Stif­tun­gen und Umset­zung einer gemein­sa­men Stra­te­gie);
    • Deut­sche Initia­ti­ven in den euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen; Zusammenarbeit/​Abstimmung mit den USA; Demo­kra­tie­för­de­rung, kei­ne direk­te For­de­rung nach „Regime Chan­ge“).

(8) Die wünsch­ba­re Ein­bin­dung Frank­reichs kann über gemein­sa­me Regie­rungs­ge­sprä­che oder – zusam­men mit Polen – über das Wei­ma­rer Drei­eck rea­li­siert wer­den. Es bedarf der Kon­sul­ta­tio­nen mit Litau­en und Lett­land in die­sem Zusam­men­hang.

IV. Ver­fah­ren

Der vor­ge­leg­te Maß­nah­men­ka­ta­log hat vor­läu­fi­gen Cha­rak­ter, ent­hält aber auch eini­ge Emp­feh­lun­gen, deren Umset­zung unmit­tel­bar im Inter­es­se des Anse­hens Deutsch­lands in Ost- und Mit­tel­eu­ro­pa liegt. Eini­ge Maß­nah­men las­sen sich schnell, ande­re lang­fris­tig umset­zen. Auf jeden Fall ver­spre­chen sie mehr Wir­kung als die bis­he­ri­gen EU-Beschlüs­se.

Es ver­steht sich von selbst, dass Sank­tio­nen in Form von Visa-Beschrän­kun­gen und der Ein­schrän­kung der Zusam­men­ar­beit zwar als Schrit­te in der rich­ti­gen Rich­tung ein­ge­ord­net wer­den kön­nen, aber sie stel­len nur eine Sei­te der Medail­le im Reak­ti­ons­spek­trum des Wes­tens dar. Die poli­ti­sche Stra­te­gie kann sich nicht auf Visa-Sank­tio­nen beschrän­ken.

Nur pro-akti­ve Maß­nah­men kön­nen zu einer Ände­rung der poli­ti­schen Ent­wick­lung und für die Per­spek­ti­ven für die poli­ti­sche sowie gesell­schaft­li­che Oppo­si­ti­on in Bela­rus füh­ren.