Am 11. Okto­ber 2015 fan­den in Bela­rus Prä­si­dent­schafts­wah­len statt. Erwar­tungs­ge­mäß wur­de Luka­schen­ko in den erneut gefälsch­ten Wah­len zum neu­en Prä­si­den­ten gewählt. Die Mani­pu­la­ti­on der Wah­len ist erneut ver­fei­nert wor­den. Außen­po­li­ti­sche Grün­de legen eine Auf­wer­tung des Regimes auf der euro­päi­schen Büh­ne nahe. Ver­meint­li­che Ver­bes­se­run­gen der Rah­men­be­din­gun­gen und des Ablaufs der Wahl las­sen sich in die west­li­che öffent­li­che Mei­nungs­bil­dung ein­brin­gen, ohne sogleich als Selbst­täu­schung erkannt zu wer­den.

Das inter­na­tio­na­le Umfeld des Lan­des ist von stra­te­gi­schen Unsi­cher­hei­ten und einer fort­dau­ern­den kri­ti­schen Lage der Wirt­schaft gekenn­zeich­net. Die seit 1996 bestehen­de inter­na­tio­na­le Iso­lie­rung ist infol­ge der in jüngs­ter Zeit ein­ge­tre­te­nen stra­te­gi­schen Ver­schie­bun­gen einer Bereit­schaft des Wes­tens zur par­ti­el­len Zusam­men­ar­beit gewi­chen, die Mög­lich­kei­ten, aber auch Risi­ken auf­weist. Zur Begrün­dung die­ses Kurs­wech­sels wird ger­ne auf Ver­bes­se­run­gen beim Wahl­ab­lauf Okto­ber 2015 hin­ge­wie­sen. Das ist eine Begrün­dung, die die eige­ne Glaub­wür­dig­keit unter­gräbt. Die Wah­len als sol­che las­sen kei­ne Ver­bes­se­run­gen der Bezie­hun­gen zu Luka­schen­ko zu – ande­re, stra­te­gi­sche Grün­de, also eige­ne Grün­de  mögen sol­che Kurs­an­pas­sun­gen recht­fer­ti­gen.

Das amt­li­che End­ergeb­nis der Prä­si­dent­schafts­wah­len 2015 ver­schlei­ert die tat­säch­li­chen Ergeb­nis­se, die Fäl­schun­gen bei den Wahl­re­gis­tern und die tat­säch­li­che Zahl der Nicht­wäh­ler. Eine Fül­le von Ein­zel­hei­ten, die bei infor­mel­ler Wahl­be­ob­ach­tung zuta­ge kamen, las­sen die gut fun­dier­te Annah­me zu, dass Luka­schen­ko in der Haupt­stadt gera­de die Hälf­te der abge­ge­be­nem Stim­men erhielt, dass das Votum „Gegen Alle“ min­des­tens zwan­zig Pro­zent der abge­ge­be­nen Stim­men in Minsk aus­mach­te und dass die Her­aus­for­de­rin Tatia­na Korot­kie­witsch, die amt­lich auf 4,43 Pro­zent der abge­ge­be­nen Stim­men im gan­zen Land kam, etwa 20 Pro­zent der Stim­men auf sich ver­ei­ni­gen konn­te. Das tat­säch­lich erziel­te, also nicht mani­pu­lier­te Wahl­er­geb­nis mag lan­des­weit etwa der Stim­men­ver­tei­lung ent­spre­chen, die das „Unab­hän­gi­ge Insti­tut für Sozio-Öko­no­mi­sche und Poli­ti­sche Stu­di­en“ (IISPS, Minsk-Vil­ni­us, Pro­fes­sor Mana­ev) vor den Wah­len im Wege von Umfra­gen ermit­tel­te.

Unbe­strit­ten scheint eben­falls de Annah­me  zu sein, dass die bela­rus­si­sche Bevöl­ke­rung heu­te aus ver­schie­de­nen Grün­den „zu Luka­schen­ko“ hält, weil sie annimmt, dass die sozia­len Ver­hält­nis­se, wenn auch nicht die wirt­schaft­li­chen in Bela­rus bes­ser sind, als in der nach dem Wes­ten stre­ben­den Ukrai­ne. Bis zu einem gewis­sen Gra­de ist Luka­schen­ko auch als unbe­que­mer Part­ner von Mos­kau die Garan­tie für die Unab­hän­gig­keit des Lan­des gegen­über rus­si­scher Unter­wer­fungs- und Anne­xi­ons­wün­schen.

Die gewalt­sa­men Unter­drü­ckungs- und Ver­fol­gungs­maß­nah­men nach der Prä­si­dent­schafts­wahl am 19. Dezem­ber 2010 gegen Oppo­si­tio­nel­le – ein­schließ­lich offi­zi­ell regis­trier­ter Kan­di­da­ten für das Amt des Prä­si­den­ten – sind noch schmerz­lich in Erin­ne­rung. Seit­her gibt es poli­ti­sche Gefan­ge­ne unter den­je­ni­gen, die Luka­schen­ko fürch­tet und deren Inhaf­tie­rung er als Abschre­ckung gegen Unru­he­po­ten­zia­le im Lan­de miss­braucht. Gleich­wohl hat er die letz­ten noch hin­ter Gefäng­nis­mau­ern befind­li­chen poli­ti­schen Gefan­ge­nen, u.a. den ´“Geg­ner Luka­schen­kos aus Gewis­sens­grün­den“, Niko­lai Stat­ke­witsch, im August 2015 ent­las­sen. Die auch vom Wes­ten gefor­der­te juris­ti­sche Reha­bi­li­tie­rung fand nicht statt.

Belarus und die Russische Föderation

Mit der völ­ker­rechts­wid­ri­gen gewalt­sa­men Anne­xi­on der Krim im Früh­jahr 2014 und der mit rus­si­scher mili­tä­ri­scher und wirt­schaft­li­cher Hil­fe gewalt­sam geschaf­fe­nen „auto­no­men“ Sepa­ra­tis­ten­be­zir­ke in der Ost­ukrai­ne hat sich die stra­te­gi­sche Posi­ti­on von Bela­rus bei fort­be­stehen­der finan­zi­ell-wirt­schaft­li­cher Abhän­gig­keit des Lan­des von Mos­kau gegen­über den Rah­men­be­din­gun­gen von 2010 fun­da­men­tal ver­än­dert:

Luka­schen­ko hat mit sei­ner pro­rus­si­schen und anti­west­li­chen Poli­tik der letz­ten bei­den Jahr­zehn­te ein für ihn poten­zi­ell gefähr­lich wer­den­des pro­rus­si­schen Kli­en­tel in sei­nem eige­nen Land geschaf­fen, das Mos­kau im Zuge sei­ner neo-impe­ria­len Poli­tik gegen­über den frü­he­ren sowje­ti­schen Repu­bli­ken jeder­zeit stra­te­gisch miss­brau­chen kann. Die bela­rus­si­sche Wirt­schaft hängt von direk­ten und indi­rek­ten rus­si­schen Sub­ven­tio­nen ab. Der aus macht­po­li­ti­schen Grün­den unver­zicht­ba­re zen­tra­lis­ti­sche, also staats­wirt­schaft­lich beherrsch­te wirt­schafts­po­li­ti­sche Kurs der Luka­schen­ko-Regie­rung ver­hin­dert eine für west­li­che Direkt­in­ves­ti­tio­nen attrak­ti­ve Wirt­schafts­po­li­tik. Die Pro­duk­te der über­al­ter­ten Staats­un­ter­neh­men ver­lie­ren in Russ­land – auch im Zuge der dor­ti­gen wirt­schaft­li­chen Rezes­si­on – an Absatz­mög­lich­kei­ten. Im Rah­men der Eura­si­schen Wirt­schafts­uni­on sto­ßen sie auf die Kon­kur­renz der ande­ren Mit­glied­staa­ten.

Die heu­ti­ge rus­si­sche Staats­pro­pa­gan­da fin­det in erheb­li­chen Tei­len der bela­rus­si­schen Bevöl­ke­rung eine posi­ti­ve Reso­nanz.

Ohne in poli­ti­sche Oppo­si­ti­on zum Regime zu tre­ten, ent­fal­tet sich im Lan­de ange­sichts der abneh­men­den Leis­tungs­fä­hig­keit des bela­rus­si­schen vom Staat gesteu­er­ten Sozi­al-, Bil­dungs- und Gesund­heits­sys­tems sowie der abneh­men­den Pro­duk­ti­vi­tät der Staats­wirt­schaft indi­vi­du­ell initi­ier­te und eine auch auf west­li­che Märk­te drän­gen­de Pri­vat­wirt­schaft. Im infor­mel­len Sek­tor nimmt die fami­li­en­ge­stütz­te wirt­schaft­lich rele­van­te Akti­vi­tät zu, die zusam­men mit der Auf­nah­me von beruf­li­cher Tätig­kei­ten im Aus­land die makro­wirt­schaft­lich ver­ur­sach­ten Defi­zi­te der bela­rus­si­schen Wirt­schaft, Staats­fi­nan­zen und Beschäf­ti­gungs­po­ten­zia­le aus­zu­glei­chen ver­sucht, aber den Bür­gern auch neue Erfah­run­gen im Umgang mit dem offe­nen Markt bringt.

Ange­sichts des wacke­li­gen Waf­fen­still­stands in der Ost­ukrai­ne, der in Minsk im Febru­ar 2015 zwi­schen der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin und dem fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten einer­seits sowie Prä­si­dent Putin und Prä­si­dent Poro­schen­ko ande­rer­seits grund­sätz­lich ver­ein­bart, also ver­mit­telt wur­de und unter Betei­li­gung der OSZE dann in einen Waf­fen­still­stands­ver­trag der unmit­tel­ba­ren Kon­flikt­par­tei­en über­tra­gen wur­de, ist das inter­na­tio­na­le Anse­hen Luka­schen­kos ohne Fra­ge gestärkt wor­den. Luka­schen­ko ist jedoch kein Ver­trags­part­ner und kann sich nicht als Ver­mitt­ler – außer in der Fra­ge der Ört­lich­keit für die Ver­hand­lun­gen – anse­hen. Ange­sichts der Risi­ken für das Land vor dem Hin­ter­grund neu­er rus­si­scher Aggres­si­vi­tät stellt der inter­na­tio­na­le Pres­ti­ge­ge­winn gleich­wohl eine wenn auch nur begrenzt wirk­sa­me Stär­kung sei­ner Posi­ti­on gegen­über Mos­kau dar – aber auch im Ver­hält­nis zum Wes­ten. Bei ver­schie­de­nen Anläs­sen hat Luka­schen­ko die Aner­ken­nung der Anne­xi­on der Krim wie auch die der Ver­selb­stän­di­gung von zwei geor­gi­schen Pro­vin­zen als sepa­ra­te unab­hän­gi­ge Staa­ten abge­lehnt und die von Mos­kau gefor­der­te Aner­ken­nung nicht aus­ge­spro­chen. Heu­te geht es im  Streit mit Mos­kau um die Fra­ge des Auf­baus einer wei­te­ren rus­si­schen Luft­waf­fen­ba­sis in Bela­rus und gege­be­nen­falls auch um der Ört­lich­keit einer sol­chen Basis in gerin­ge­rer oder grö­ße­rer Ent­fer­nung von der Gren­ze zur Ukrai­ne.

Die jüngs­ten Mei­nungs­um­fra­gen in Bela­rus (Juli 2015) bestä­ti­gen den Abwärts­trend der Wirt­schafts­leis­tung und der Zuver­läs­sig­keit sozia­ler Leis­tun­gen des Staa­tes für den Bür­ger, aber auch die fort­be­stehen­de Prä­fe­renz für eine Annä­he­rung an Russ­land im Ver­gleich zur mög­li­chen Annä­he­rung an die Euro­päi­sche Uni­on. Es gibt also einen deut­li­chen Unter­schied in der stra­te­gi­schen Aus­rich­tung der Ukrai­ne und von Bela­rus.

Minsk und die Östliche Partnerschaft der Europäischen Union

Der Ver­zicht von Luka­schen­ko dar­auf, sei­ne Teil­nah­me am Gip­fel der Öst­li­chen Part­ner­schaft in Riga – Mai 2015 – zu errei­chen, lag im bei­der­sei­ti­gen Inter­es­se.

Luka­schen­ko und Bela­rus ste­hen unter west­li­chen Sank­tio­nen, weil er in den Jah­ren 1994 bis 1997 alles dar­an setz­te, die sich in Bela­rus ent­fal­ten­de demo­kra­ti­sche Kul­tur zu eli­mi­nie­ren und durch ein neo-auto­ri­tä­res, wenn auch nicht kom­mu­nis­ti­sches Regime zu erset­zen – ein Regime, das er bis heu­te auf­recht­erhält und auf der Basis rus­si­scher Sub­ven­tio­nen am Leben erhal­ten kann. Luka­schen­kos Vor­stel­lun­gen vom bela­rus­si­schen Bür­ger kon­tras­tie­ren in immer grö­ße­rem Maße mit der beein­dru­cken­den Art und Wei­se, mit der sich Bela­rus­sen, die mit eben die­sem staats-auto­ri­tä­ren Sys­tem auf­ge­wach­sen sind, in der poli­ti­sche Kul­tur Deutsch­lands und ande­rer Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on bewe­gen und ent­fal­ten.

Die Öst­li­che Part­ner­schaft bleibt in ihrer stra­te­gi­schen Per­spek­ti­ve weit­ge­hend wir­kungs­los, solan­ge sie nicht die Ver­ein­ba­rung der Euro­päi­schen Gemein­schaft in den Römi­schen Ver­trä­gen von 1957 in Erin­ne­rung ruft und in Bezug auf Ost­eu­ro­pa für rele­vant erklärt, dass näm­lich die Gemein­schaft offen für die Mit­glied­schaft ande­rer Staa­ten in Euro­pa ist und bleibt, für Län­der, die die poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen, wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Wer­te Euro­pas, wie sie sich in der Euro­päi­schen Uni­on wider­spie­geln, für sich aner­ken­nen und ihr Land auf die Rah­men­be­din­gun­gen des Euro­päi­schen Mark­tes wirk­sam vor­be­rei­ten. Mit dem Hin­weis auf die­se Grund­satz­ent­schei­dung der dama­li­gen sechs Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Gemein­schaft wür­de die Euro­päi­sche Uni­on die Legi­ti­mi­tät des Stre­bens ande­rer, in die­sem Fal­le ost­eu­ro­päi­scher Län­der nach einer letzt­end­li­chen Mit­glied­schaft die­ser Län­der in der EU bekun­den.

Es besteht der Ein­druck, dass die Euro­päi­sche Uni­on – aus wel­chen Grün­den auch immer – zur­zeit im Ver­hält­nis zu den Part­ner­län­dern der Öst­li­chen Part­ner­schaft – eine bestehen­de Tat­sa­che nicht in Erin­ne­rung rufen will. Damit wird Miss­trau­en gesät. Soll das so sein? Der Ver­dacht lässt sich nicht ent­kräf­ten.

Der Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess in Ost­eu­ro­pa, der durch die von den Staats- und Regie­rungs­chefs der an den KSZE-Arbei­ten betei­lig­ten Staa­ten in Euro­pa und Nord­ame­ri­ka am 21. Novem­ber 1990 unter­zeich­ne­te Char­ta von Paris aus­ge­löst wur­de, kann durch auto­ri­tä­re, unde­mo­kra­tisch zustan­de gekom­me­ne Regie­run­gen und Macht­kon­stel­la­tio­nen gehemmt, aber nicht auf­ge­hal­ten wer­den. Es ist ein geschicht­li­cher Pro­zess der Eman­zi­pa­ti­on des Bür­gers von einem über­kom­me­nen und unter heu­ti­gen glo­ba­len Vor­aus­set­zun­gen auch gesell­schafts- und wirt­schafts­po­li­tisch nicht halt­ba­ren Sys­tem von Regie­rung, Recht und Macht, die auf ille­gi­tim gewon­ne­ner Macht und mit Gewalt erhal­te­ner Macht­po­si­tio­nen beruht.

Es mag sein, dass die Euro­päi­sche Uni­on ange­sichts der heu­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen (Russland/​Ukraine, EURO-Kri­se, Flücht­lings­be­we­gung) zu einer grund­sätz­li­chen Kurs­kor­rek­tur gegen­wär­tig nicht die Kraft hat. Aber das ist ein tem­po­rä­res Phä­no­men – nicht eine auf Dau­er bestehen­de Ver­schie­bung der Auf­ga­ben der Euro­päi­schen Uni­on.

Die Zivilgesellschaft in Belarus – eine starke Kraft des heutigen Belarus

Die bela­rus­si­sche Zivil­ge­sell­schaft ist in Fra­gen der Euro­päi­schen Uni­on die Vor­rei­te­rin und nutzt ihre Mög­lich­kei­ten im Zivil­ge­sell­schaft­li­chen Forum der Öst­li­chen Part­ner­schaft aus. Pro­ble­ma­tisch ist die Durch­set­zung wirk­sa­mer Anschluss­pro­gram­me.

Hier besteht drin­gen­der Hand­lungs­be­darf der Euro­päi­schen Uni­on. In den engen Gren­zen der heu­ti­gen Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten in Bela­rus selbst liegt ein gewich­ti­ger Hemm­schuh für die Ent­fal­tung der Zivil­ge­sell­schaft. Ein sol­cher Hand­lungs­spiel­raum besteht aller­dings dort, wo Part­ner­schaf­ten die Rücken­de­ckung amt­li­cher bela­rus­si­scher Stel­len haben – wie bei­spiels­wei­se bei der DAAD-Sprach­ver­mitt­lung und bei den vom IBB-Minsk  ver­wal­te­ten gesell­schaft­li­chen Pro­jek­ten.

Es stellt sich die Fra­ge, ob unter dem deut­schen OSZE-Vor­sitz im Jahr 2016 nicht auch in die­sem Rah­men die Rol­le zivil­ge­sell­schaft­li­cher Struk­tu­ren bei der Bewäl­ti­gung von gesell­schafts­po­li­ti­schen The­men der OSZE wie denen der Gleich­stel­lung von Mann und Frau, der Nicht-Dis­kri­mi­nie­rung aus ras­si­schen, eth­ni­schen und reli­giö­sen Grün­den, den Bür­ger­rech­ten auf fai­re und freie Wah­len und beim Min­der­hei­ten­schutz als The­ma all­ge­mei­nen Inter­es­ses auf die OSZE-Tages­ord­nung gesetzt wer­den soll­te. In der Früh­zeit der OSZE, also in den neun­zi­ger Jah­ren und Anfang des neu­en Jahr­hun­derts konn­ten Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, z.B. Ver­ei­ni­gun­gen zur Durch­füh­rung ein­hei­mi­scher Wahl­be­ob­ach­tung, bei den Jah­res­ta­gun­gen von ODHIR mit eige­nen Bei­trä­gen an der Debat­te der Regie­rungs­ver­tre­ter teil­neh­men.

Pragmatismus und Prinzipientreue

Prag­ma­tis­mus scheint im Umgang mit Bela­rus ange­zeigt zu sein. Er fin­det dort sei­ne Gren­zen, wo das Regime in unmensch­li­cher Wei­se sei­ne Macht­mit­tel gegen Anders­den­ken­de ein­setzt und damit Mög­lich­kei­ten zur Koope­ra­ti­on ver­baut, die im bei­der­sei­ti­gen Inter­es­se lie­gen – sei es im Bereich der unent­gelt­li­chen Ver­ga­be von Visa, sei es in der zivil­ge­sell­schaft­li­che Akti­vi­tät für genui­ne Men­schen­rech­te und sozia­le Wer­ke (z.B. Behin­der­ten­ar­beit). Die Ver­ei­ni­gung Men­schen­rech­te in Bela­rus e.V. hat enor­me Anstren­gun­gen unter­nom­men, um der im Exil befind­li­chen Euro­päi­schen Huma­nis­ti­schen Uni­ver­si­tät (EHU) mit der Errich­tung eines Zen­trums für Trans­for­ma­ti­ons-Stu­di­en eine neu­es Feld zur Zusam­men­ar­beit mit der Euro­päi­schen Uni­on mit lang­fris­ti­gen gesell­schafts­po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Fol­gen und damit eine neue zukunfts­träch­ti­ge Dimen­si­on zu eröff­nen. Das Pro­jekt fin­det brei­tes Inter­es­se – in der Euro­päi­schen Uni­on wie bei Stif­tun­gen. Wegen inne­rer Pro­ble­me bei der Ernen­nung eines neu­en Rek­tors und mög­li­cher­wei­se auch finan­zi­el­ler Ver­feh­lun­gen in der EHU-Ver­wal­tung ist das Zukunfts­pro­jekt heu­te prak­tisch auf Eis gelegt. Die finan­zi­el­le Unter­stüt­zung der EHU durch die EU, die heu­te der wich­tigs­te Part­ner bei der inter­na­tio­na­len finan­zi­el­len För­de­rung der EHU dar­stellt, ist in Fra­ge gestellt, falls sich Berich­te über finan­zi­el­le und admi­nis­tra­ti­ve Ver­feh­lun­gen als zutref­fend her­aus­stel­len soll­ten. Die Prü­fung wird zur­zeit vom Nor­di­schen Minis­ter­rat vor­ge­nom­men, dem „Agen­ten“ der Euro­päi­schen Uni­on als Ver­wal­ter euro­päi­scher Mit­tel, die für die EHU bestimmt sind.

Die Ver­ei­ni­gung „Men­schen­rech­te in Bela­rus e.V.“ führ­te im Rah­men des vom Aus­wär­ti­gen Amts geför­der­ten Pro­gramms zur zivil­ge­sell­schaft­li­chen Zusam­men­ar­beit mit Län­dern der Öst­li­chen Part­ner­schaft und mit Russ­land im August 2015 eine acht­tä­gi­ge Som­mer­schu­le mit Stu­die­ren­den und Berufs­an­fän­gern aus Bela­rus, der Ukrai­ne und aus Deutsch­land zum The­ma „Die Bedeu­tung der Sozia­len Markt­wirt­schaft für die Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se in der Ukrai­ne und in Bela­rus“ durch . Für die 12 Stu­di­en­plät­ze lagen mehr als 170 Bewer­bun­gen vor.

Bela­rus beweist mit sei­nem erstarr­ten staats­wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Auto­ri­täts­struk­tu­ren Immo­bi­li­tät nach Innen und stra­te­gi­sche Abhän­gig­kei­ten von Russ­land nach Außen auf, die exis­tenz­ge­fähr­dend wer­den kön­nen oder es schon sind.

Die Euro­päi­sche Uni­on und die Mit­glied­staa­ten der EU soll­ten dem Land, das auch in finan­zi­el­ler Hin­sicht von Russ­land und der Eura­si­an Deve­lop­ment Bank abhängt, Kre­dit­spiel­räu­me ein­räu­men, um die­ser Abhän­gig­keit ent­ge­gen­zu­wir­ken und Anrei­ze für sub­stan­zi­el­le Wirt­schafts­re­for­men zu geben.

Es weist eben­so eine Bevöl­ke­rung auf, die – unge­ach­tet ihrer Unsi­cher­heit im Umgang mit dem Kon­zept und der Wirk­lich­keit offe­ner Gesell­schaf­ten und plu­ra­lis­ti­scher demo­kra­ti­scher Staats­struk­tu­ren – auf indi­vi­du­el­ler und unter­neh­me­ri­scher Basis sowohl Inno­va­ti­on, als auch Qua­li­tät und Eigen­stän­dig­keit unter Beweis stellt – und zwar unter Beach­tung der rigi­den auto­ri­tä­ren staat­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen. Die­se Rea­li­tä­ten ver­mit­teln dem Besu­cher und Gesprächs- oder auch Geschäfts­part­ner einen Hoff­nungs­schim­mer für eine bes­se­re Zukunft des Lan­des und sei­ner Bür­ger in Euro­pa.

Die Euro­päi­sche Uni­on soll­te die Öff­nung der bela­rus­si­schen Gesell­schaft durch inten­si­ven Aus­tausch för­dern und hier­für – nöti­gen­falls ein­sei­tig – mög­lichst weit­rei­chen­de Rei­se­er­leich­te­run­gen ein­füh­ren.

Ber­lin, Dezem­ber 2015

Dr. Hans-Georg Wieck
Vor­sit­zen­der

Ste­fa­nie Schif­fer – Chris­toph Becker
Stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de

Ste­phan Male­ri­us
Bei­sit­zer