Zur Lage in Bela­rus und Emp­feh­lun­gen für akti­ve Maß­nah­men der Euro­päi­schen Uni­on sowie ihrer Mit­glied­staa­ten

Die Lage

Die Wirt­schafts- und Finanz­kri­se in Bela­rus- Fol­ge der Plan­wirt­schaft und der abneh­men­den Sub­ven­tio­nie­rung durch Russ­land – stellt den „con­tract soci­al“ in Fra­ge, der zwi­schen dem Prä­si­den­ten als dem Garan­ten der wirt­schaft­li­chen und sozia­len Sta­bi­li­tät und schritt­wei­sen Ver­bes­se­rung und der Bevöl­ke­rung besteht. Vor die­sem wirt­schaft­lich-sozia­len Hin­ter­grund haben vie­le Men­schen im Lan­de die viel­fäl­ti­gen Beein­träch­ti­gun­gen der inter­na­tio­nal garan­tier­ten Men­schen- und Bür­ger­rech­te hin­ge­nom­men hat. Nun nimmt die Unzu­frie­den­heit der Bevöl­ke­rung zu, auch die Soli­da­ri­tät mit den Opfern der Ver­fol­gung. Das Regime fürch­tet den Auf­stand, der in den Köp­fen vie­ler Bür­ger schon lan­ge the­ma­ti­siert ist. Das Regime will dem Auf­stand mit zuneh­men­den Repres­sio­nen zuvor­kom­men. Luka­schen­ko drängt die Part­ner in der „Collec­tive Secu­ri­ty Trea­ty Orga­ni­sa­ti­on (CSTO)“, einem Bünd­nis, dem neben Bela­rus Russ­land, Arme­ni­en, Kasach­stan, Kyr­gi­stan, Tad­ji­ki­stan und Usbe­ki­stan ange­hö­ren, eine kol­lek­ti­ve Inter­ven­ti­ons­stra­te­gie gegen inne­re Auf­stän­de zu ver­ein­ba­ren. Mit admi­nis­tra­ti­ven Mit­teln ver­sucht das Regime, die Fol­gen der wirt­schaft­li­chen und finan­zi­el­len Eng­päs­se zu meis­tern. Die rus­sisch domi­nier­te Eura­si­sche Wirt­schafts­uni­on hat einen bedeu­ten­den Kre­dit ein­ge­räumt. Rus­si­sche Kre­di­te wer­den an Pri­va­ti­sie­rungs­for­de­run­gen gebun­den; neue IWF-Kre­di­te blei­ben eine vage Hoff­nung, die sich bei Fort­dau­er der Unter­drü­ckungs­maß­nah­men kaum erfül­len kann. Der Prä­si­dent ver­stärkt die Unter­drü­ckungs­maß­nah­men, um des Macht­er­halts wil­len. Er wird wegen der Gewalt­po­li­tik nicht nur im Wes­ten, son­dern auch von Mos­kau kri­ti­siert. Mos­kau begrüßt es, dass Luka­schen­ko ver­wund­bar gewor­den ist. Die Offen­le­gung der Schwä­chen von Luka­schen­ko gehört in der rus­si­schen Pres­se zu den Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten des Tages. Mos­kau erleich­tert die Arbeits­auf­nah­me von Bela­rus­sen in Russ­land. Bela­rus­si­sche Krei­se in Mos­kau pla­nen für die Zukunft. Aber mög­li­che Nach­fol­ger Luka­schen­kos wer­den sich ange­sichts der zuneh­mend nega­ti­ven Hal­tung der Bevöl­ke­rung gegen­über rus­si­schen Unter­neh­mens­über­nah­men in Bela­rus nicht ohne erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten „in das rus­si­sche Lager“ zie­hen las­sen wol­len. Die Euro­päi­sche Uni­on setzt im mul­ti­la­te­ra­len Rah­men der Öst­li­chen Part­ner­schaft unge­ach­tet der unbe­frie­di­gen­den inne­ren Ent­wick­lun­gen auf offi­zi­el­le und auf gesell­schaft­lich ver­an­ker­te Ent­wick­lun­gen und Akti­vi­tä­ten in Bela­rus, ver­mei­det aber im bila­te­ra­len Ver­hält­nis den Anschein ver­trau­ens­vol­ler Bezie­hun­gen. Ohne die Frei­las­sung aller poli­ti­schen Gefan­ge­nen kann es kei­nen Neu­be­ginn geben. Aus den Ver­fah­ren gegen die Füh­rer der und Mit­ar­bei­ter der Oppo­si­ti­on dür­fen in künf­ti­gen Wahl­kämp­fen kei­ne recht­lich rele­van­ten Ein­schrän­kun­gen abge­lei­tet wer­den, z.B. bei der Regis­trie­rung als Kan­di­da­ten in Wah­len. Ange­sichts der wei­te­ren Zuspit­zung der Lage in Bela­rus hält die Ver­ei­ni­gung „Men­schen­rech­te in Bela­rus e.V.“ die Ernen­nung von Son­der­be­auf­trag­ten der Euro­päi­schen Uni­on und eini­ger natio­na­ler Regie­run­gen für die Zusam­men­ar­beit mit der Zivil­ge­sell­schaft in Bela­rus für das Gebot der Stun­de (sie­he Abschnitt II – „Vor­schlä­ge für kon­kre­te Maß­nah­men“). Im Raum steht unaus­ge­spro­chen der Gedan­ke an einen neu­en „Kuh­han­del“: Finanz­hil­fe gegen Frei­las­sung der poli­ti­schen Gefan­ge­nen. Luka­schen­ko stellt die Ent­las­sung poli­ti­scher Gefan­ge­ner in Aus­sicht und lädt mit unprä­zi­sen For­mu­lie­run­gen zu einem Öffent­li­chen Run­den Tisch mit der Zivil­ge­sell­schaft ein, an dem auch das Aus­land betei­ligt wer­den soll. Sank­tio­nen – Es besteht Ein­ver­ständ­nis, dass Sank­tio­nen gezielt auf das Füh­rungs­per­so­nal und auf Staats­un­ter­neh­men kon­zen­triert sein soll­ten, die von pro­fi­lier­ten Par­tei­gän­gern Luka­schen­kos geführt wer­den. Mit­ar­bei­ter des Staats­ap­pa­ra­tes, die für Repres­sio­nen gegen­über Bür­ge­rin­nen und Bür­gern des Lan­des, die für ihre Grund­rech­te ein­tre­ten, Ver­ant­wor­tung auf sich genom­men haben, sol­len kon­se­quent mit Ein­rei­se­ver­bo­ten in die Euro­päi­sche Uni­on belegt wer­den. Kre­di­te west­li­cher Insti­tu­tio­nen und natio­na­ler Ein­rich­tun­gen sol­len nicht erteilt wer­den, solan­ge es poli­ti­sche Gefan­ge­ne in Bela­rus gibt und solan­ge kei­ne nach­hal­ti­ge Ver­bes­se­rung der Men­schen­rechts­si­tua­ti­on ein­ge­tre­ten ist. Die poli­ti­schen und Men­schen­rechts-Struk­tu­ren der Zivil­ge­sell­schaft, die natio­nal und inter­na­tio­nal durch die Öst­li­che Part­ner­schaft Anse­hen gewon­nen hat­ten, sind durch die Unter­drü­ckungs-Maß­nah­men nach dem 19. Dezem­ber 2010 und durch den Zugang der Regie­rung zu Infor­ma­tio­nen über die in War­schau und Vil­ni­us von Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen geführ­ten Bank­kon­ten in der Sub­stanz geschwächt wor­den. Die in Men­schen­rechts­fra­gen akti­ve Zivil­ge­sell­schaft hat ihre poli­tisch rele­van­te Hand­lungs­fä­hig­keit weit­ge­hend ver­lo­ren. Das gilt auch für die Basis­or­ga­ni­sa­tio­nen, die in den letz­ten Jah­ren mit ein­hei­mi­schen Struk­tu­ren sys­te­ma­tisch die Wah­len beob­ach­tet hat­ten.

Vorschläge für konkrete Maßnahmen

Unter den schwie­ri­gen Rah­men­be­din­gun­gen eines rigo­ro­sen Herr­schafts­sys­tems ist eine akti­ve Poli­tik der Euro­päi­schen Uni­on und der EU-Mit­glied­staa­ten vor allem gegen­über der Zivil­ge­sell­schaft des Lan­des von noch grö­ße­rer Bedeu­tung als in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Des­halb ist die Ernen­nung eines Son­der­be­auf­trag­ten der Euro­päi­schen Uni­on und sol­cher Son­der­be­auf­trag­ten auf natio­na­ler Ebe­ne zur Ver­tie­fung und Erwei­te­rung der Zusam­men­ar­beit mit der Zivil­ge­sell­schaft in Bela­rus poli­tisch und orga­ni­sa­to­risch gebo­ten. Dies ist die wich­tigs­te der Maß­nah­men, die getrof­fen wer­den müss­ten, um eine kohä­ren­te, wir­kungs­vol­le und nach­hal­ti­ge Poli­tik der Euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen und natio­na­len Regie­run­gen sowie der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen in Euro­pa zu errei­chen. Es gilt auch, im Wege wirk­sa­me­rer Koor­di­nie­rung bela­rus­si­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge im Aus­land gegen Über­grif­fe und Mani­pu­la­tio­nen durch staat­li­che und staat­loch kon­trol­lier­te bela­rus­si­sche Ein­rich­tun­gen wirk­sam zu schüt­zen. Die­se Maß­nah­men soll­te mit gro­ßer Dring­lich­keit getrof­fen und durch Maß­nah­men auf ande­ren Fel­dern ergänzt wer­den, näm­lich:

  • Auf­he­bung der Visums­ge­büh­ren und Her­stel­lung der Visums­frei­heit
  • För­de­rung Öst­li­che Part­ner­schaft, vor allem Bereit­stel­lung zusätz­li­cher Mit­tel für das Zivil-Forum)
  • Mas­si­ve Aus­wei­tung der Arbeits- und Aus­bil­dungs­mög­lich­kei­ten für jun­ge Bela­rus­sen
  • För­de­rung der Ein­hei­mi­sche Wahl­be­ob­ach­tung (ODIHR wird durch poli­ti­sche Akti­vi­tä­ten der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on auf hoher und höchs­ter Ebe­ne der­zeit geschwächt)
  • För­de­rung der unab­hän­gi­gen Medi­en
  • Bela­rus-Kon­fe­renz in Ber­lin, begin­nend mit einer Kon­fe­renz zur Iden­ti­tät von Bela­rus in Geschich­te, Gegen­wart und in der Zukunft
  • Publi­ka­tio­nen zu dem The­ma „Bela­rus und die EU
  • Publi­ka­tio­nen zu dem The­ma „Men­schen­rech­te in Bela­rus“
  • Akti­ve För­de­rung der Euro­päi­schen Huma­nis­ti­schen Uni­ver­si­tät (Minsk/​Vilnius) – EHU – durch Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land