Ein Vor­trag von Dr. Hans-Georg Wieck, gehal­ten am 12.05.2014 in Ess­lin­gen

Wir haben uns hier ver­sam­melt, um mit der Aus­stel­lung „Men­schen­ech­te und Zivil­ge­sell­schaft in Bela­rus“ dar­an zu erin­nern, dass der Ent­fal­tung des ein­zel­nen Bür­gers in eige­nem Recht und der Bin­dung auch der staat­li­chen Insti­tu­tio­nen an die Beach­tung der uni­ver­sell geschütz­ten Men­schen­rech­te in Tei­len Euro­pas immer noch oder wei­ter­hin enge Gren­zen gesetzt sind. Sie sind in einem Land wie Bela­rus – aber nicht nur in die­sem Nach­fol­ge­staat der Sowjet­uni­on – der staat­li­chen Will­kür aus­ge­setzt – und zwar im Inter­es­se des auto­ri­tä­ren Macht­ha­bers, sei­ner Hel­fer-Grup­pe und im Inter­es­se einer auto­ri­tä­ren Staats­leh­re und-Pra­xis. Wir erle­ben in die­sen Tagen, dass die Mos­kau­er Füh­rung der rus­si­schen Kul­tur und Geschich­te ein Nar­ra­tiv ver­ord­net hat, dass der Vor­herr­schaft der Rus­sen und ihrer Staats­auf­fas­sung in allen Teil des post­so­wje­ti­schen Rau­mes Domi­nanz ver­leiht – auch unter Ver­let­zung bi- und mul­ti­la­te­ra­len Völ­ker­rechts. Die aggres­si­ve neue natio­na­lis­ti­sche Außen­po­li­tik Mos­kaus wird – wie in Sowjet­zei­ten – mit der angeb­lich von den USA gegen­über Russ­land betrie­be­nen Ein­krei­sungs­po­li­tik sowie gegen­über den Nach­fol­ge­staa­ten der Sowjet­uni­on mit dem Vor­wurf von faschis­ti­schen und ter­ro­ris­ti­schen Gewalt­ak­ten in die­sen Staa­ten gegen die legi­ti­me Regie­rung begrün­det. Wir wer­den an die Zei­ten der Bre­schnew-Dok­trin erin­nert, die in Zei­ten des Kal­ten Krie­ges der sowje­ti­schen Füh­rung das Recht gab, die Auf­recht­erhal­tung der sowje­ti­schen Staats- und Gesell­schafts­ord­nung in den Mit­glied­staa­ten des Sowjet­blocks (War­schau­er Pakt/​RGW) auch mit Gewalt, also im Wege einer mili­tä­ri­schen Inter­ven­ti­on durch­zu­set­zen (Ost-Ber­lin 1953; Buda­pest 1956; Prag 1968). Ähn­li­ches gab es nach den Napo­leo­ni­schen Krie­gen mit dem Karls­ba­der Beschlüs­sen von 1819 und 1832, mit denen auf Ver­an­las­sung der drei Herr­scher­häu­ser in St. Peters­burg, Wien und Ber­lin im Deut­schen Bund im Inter­es­se des Schut­zes des „Mon­ar­chi­schen Prin­zips“ bei Straf­an­dro­hung die Ver­brei­tung des Libe­ra­lis­mus und natio­na­ler Befrei­ungs­be­we­gun­gen gewalt­sam unter­bun­den wer­den soll­te. Preu­ßen unter­stüt­ze 1863 die rus­si­sche Unter­wer­fung pol­ni­scher Unab­hän­gig­keits­ak­ti­vi­tä­ten, und Wien rief rus­si­sche Trup­pen zu Hil­fe, um unga­ri­sche natio­na­le Bewe­gun­gen 1848 im Kei­me zu ersti­cken. Um das rus­si­sche Wohl­wol­len und damit sub­ven­tio­nier­te Prei­se für Öl und Gas und ande­re wirt­schaft­li­che Pri­vi­le­gi­en auf dem rus­si­schen Markt zu erhal­ten, muss Luka­schen­ko sein rigi­des auto­ri­tä­res Regime erhal­ten und allen Öff­nun­gen nach dem Wes­ten, also zu einer libe­ra­len Staats- und Wirt­schafts­ord­nung hin abschwö­ren, also auf die so drin­gend erfor­der­li­che tech­no­lo­gi­sche markt­ori­en­tier­te Moder­ni­sie­rung sei­ner indus­tri­el­len Basis ver­zich­ten. Er beklagt offen die von außen gestütz­ten sepa­ra­tis­ti­schen Bewe­gun­gen in der Ukrai­ne und ver­bie­tet im Lan­de, wie er ankün­dig­te, durch Gesetz pro­rus­si­sche sepa­ra­tis­ti­sche Akti­vi­tä­ten. Vie­len Dank den Orga­ni­sa­to­ren der Aus­stel­lung – Ich erwäh­ne bei­spiel­haft Libe­re­co (Schweiz/​Deutschland), Amnes­ty Inter­na­tio­nal, Ger­man Mar­shall Fund of the US und die Deutsch-Bela­rus­si­sche Gesell­schaft. In die­sen Tagen ist das auto­ri­tär geführ­te Bela­rus Gast­land für die Welt­meis­ter­schaf­ten im Eis­ho­ckey, einem in Bela­rus sehr popu­lä­ren Sport, dem auch Alex­an­der Luka­schen­ko öffent­lich wirk­sam frönt. Eine Ver­le­gung der Meis­ter­schaft in ein ande­res Land gelang nicht, gleich­wohl haben wir, wie auch ande­re Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen die aus unse­ren frei­en Län­dern teil­neh­men­den Sport­or­ga­ni­sa­tio­nen auf die beson­de­ren poli­ti­schen Bedin­gun­gen in Bela­rus hin­ge­wie­sen und ihnen Bera­tung ange­bo­ten. Der Prä­si­dent des deut­schen Ver­ban­des hat durch­aus ein­fühl­sam von die­ser Pro­ble­ma­tik in sei­ner Erklä­rung vor Abrei­se der Manns­haft gespro­chen – nicht so der Prä­si­dent des inter­na­tio­na­len Ver­ban­des. Die Meis­ter­schaft begann am 9. Mai und dau­ert bis zum 25. Mai. In den Augen der inter­na­tio­nal agie­ren­den Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on sind sol­che Ereig­nis­se in auto­ri­tär geführ­ten Unter­drü­ckungs­staa­ten wie Bela­rus, der Volks­re­pu­blik Chi­na und zuneh­mend auch in Russ­land von zwei­fel­haf­tem Wert. Die Auto­ri­tä­ten kön­nen ihr inter­na­tio­na­les Anse­hen und auch ihr Stan­ding bei der eige­nen Bevöl­ke­rung stär­ken und die offe­nen Men­schen­rechts­fra­gen mar­gi­na­li­sier­ten oder gar als Akti­vi­tä­ten von Ter­ro­ris­ten und Faschis­ten ver­ur­tei­len. Um inter­na­tio­na­le Kri­tik zu begren­zen, hat­te Putin in Ver­bin­dung mit den olym­pi­schen Win­ter­spie­len in Sot­chi poli­ti­sche Häft­lin­ge ent­las­sen (Kho­rod­kow­ski, Pus­sy Riot), wäh­rend sich Luka­schen­ko sich bis­lang nur dazu durch­ge­run­gen hat, einen der poli­ti­schen Häft­lin­ge zu ent­las­sen, die nach der gewalt­sa­men Nie­der­schla­gung der Pro­test­ak­ti­on im Anschluss an die gefälsch­te Prä­si­dent­schafts­wahl am 19. Dezem­ber 1910 – nicht aber die Schlüs­sel­fi­gu­ren des poli­ti­schen und men­schen­recht­lich ver­an­ker­ten Pro­tests gegen das auto­ri­tä­re Regime – den Men­schen­recht­ler Bialatz­ki und den Poli­ti­ker Niko­laus Stat­ke­witsch – Per­so­nen, die sich wei­gern, unter Schuld­an­er­kennt­nis um Begna­di­gung zu bit­ten. Die inter­na­tio­nal täti­gen Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen – wie die Ver­ei­ni­gung „Men­schen­rech­te in Bela­rus, Ber­lin – haben öffent­lich die Frei­las­sung der poli­ti­schen Gefan­ge­nen in Bela­rus gefor­dert. Die Wan­der­aus­stel­lung, die schon u.a. in Ber­lin, Bonn, Baut­zen, Basel, Zürich und Dres­den gezeigt wur­de, wird nicht ohne Grund auch in Ess­lin­gen den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern der Stadt prä­sen­tiert. Die Stadt unter­hält eine Städ­te­part­ner­schaft mit der bela­rus­si­schen Stadt Molo­detsch­no, die zu pfle­gen unter heu­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen kei­ne ein­fa­che Auf­ga­be ist, da die Mit­wir­kung von Ange­hö­ri­gen der Oppo­si­ti­on und der selbst­stän­di­gen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen in Molo­detsch­no an den Pro­gram­men der Part­ner­schaft star­ken Ein­schrän­kun­gen aus­ge­setzt ist. Ess­lin­gen hat auch Opfern der poli­ti­schen Ver­fol­gung, also den Ange­hö­ri­gen des unter mys­te­riö­sen Umstän­den im April 1999 in Minsk zu Tode gekom­me­nen demo­kra­ti­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Gena­dij Kar­pen­ko, im Jah­re 2000 poli­ti­sches Asyl gewährt. Die Fami­lie, die ich herz­lich begrü­ße, weilt – jeden­falls in Tei­len – auch jetzt unter uns. Wir hof­fen mit ihnen, dass Sie eines Tages in ein frei­es, ein demo­kra­ti­sches Bela­rus zurück­keh­ren kön­nen. Ich erwäh­ne in die­sem Zusam­men­hang, dass die Ver­ei­ni­gung „Men­schen­rech­te in Bela­rus e.V.“, Ber­lin, eine umfas­sen­de Doku­men­ta­ti­on über die in den Jah­ren 1999 und 2000 im Auf­tra­ge von Luka­schen­ko gewalt­sam ent­führ­ten und gewalt­sam zu Tode gebrach­ten poli­ti­schen Geg­ner im Jah­re 2007 her­aus­ge­ge­ben hat, und in die­sen Wochen eine eben­falls auf der Web­site der Ver­ei­ni­gung zugäng­li­che 167 Sei­ten umfas­sen­de, wis­sen­schaft­lich abge­stütz­te Publi­ka­ti­on über die bekla­gens­wer­te Situa­ti­on der indi­vi­du­el­len Men­schen­rech­te in Bela­rus publi­zier­te. Eini­ge Exem­pla­re möch­te ich dem Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Ess­lin­gen über­ge­ben. Die Ver­öf­fent­li­chun­gen sind auch auf der Web­site der Ver­ei­ni­gung zugäng­lich www​.human​-rights​-bela​rus​.org. Die Ver­öf­fent­li­chung befasst sich – abge­se­hen von der grund­sätz­li­chen Dis­kus­si­on über Anspruch und Wirk­lich­keit der Ach­tung der indi­vi­du­el­len Men­schen­rech­ten in Gesell­schafts­ord­nun­gen unse­rer Zeit – spe­zi­fisch mit der Todes­stra­fe in Bela­rus, dem Ver­schwin­den von poli­ti­schen Geg­nern, dem Recht des Bür­gers auf fai­re Gerichts­ver­fah­ren, der Reli­gi­ons­frei­heit, dem Recht auf Mei­nungs­frei­heit, auf Ver­samm­lungs­frei­heit und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit sowie mit dem Pro­blem mani­pu­lier­ter Wahlern in dem Bela­rus unse­rer Tage.

Die Restauration des russischen Nationalismus

In die­sen Tagen erle­ben wir mit gro­ßer Sor­ge Mani­fes­ta­tio­nen eines neu­en rus­si­schen Natio­na­lis­mus, der die Domi­nanz über alle Eth­ni­en inner­halb der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on und die auch gewalt­sa­me Inter­ven­ti­on in ande­ren Nach­fol­ge­staa­ten der Sowjet­uni­on zum Schut­ze von Rus­sen für sich in Anspruch nimmt und dabei auch inter­na­tio­na­le Abkom­men und das all­ge­mei­ne Völ­ker­recht ver­letzt. Las­sen Sie mich an den Ver­trag zwi­schen den Mit­glied­staa­ten der NATO und des War­schau­er Pakts vom 19. Novem­ber 1991 erin­nern, mit dem Höchst­gren­zen der Streit­kräf­te zwi­schen dem Ural und dem Atlan­ti­schen Oze­an ver­trag­lich ver­ein­bart wur­den und man die Char­ter von Paris, die von den Staats-und Regie­rungs­chefs der an der KSZE betei­lig­ten Staa­ten am 21. Novem­ber 1990 unter­zeich­net wur­de. In die­sem bedeu­ten­den euro­päi­schen Doku­ment wur­de die Trans­for­ma­ti­on der kom­mu­nis­ti­schen Staats- und Gesell­schafts­ord­nun­gen Ost­eu­ro­pas in – -plu­ra­lis­ti­sche Demo­kra­ti­en mit frei­en und fai­ren Wah­len, frei­en Medi­en, Rede- und Ver­samm­lungs­frei­heit sowie die Ein­füh­rung der Gewal­ten­tei­lung (Exe­ku­ti­ve, Legis­la­ti­ve, Judi­ka­ti­ve) und - – die sozi­al ver­an­ker­te Markt­wirt­schaft mit indi­vi­du­el­ler Unter­neh­mer­schaft, - – aber auch die Unab­hän­gig­keit der Gerich­te Die Sowjet­uni­on über­leb­te die­se fun­da­men­ta­len Trans­for­ma­tio­nen nicht und zer­brach – von innen aus­ge­löst – im Jah­re 1991. Es war Andro­pow in sei­ner Rol­le als Chef des KGB, der zu mei­ner Zeit in Mos­kau, also Ende der sieb­zi­ger Jah­re das Polit­bü­ro der KPdSU davon über­zeug­te, dass die kapi­ta­lis­ti­sche Welt ent­ge­gen den Annah­men von Marx und Engels nicht an den soge­nann­ten inne­ren Wider­sprü­chen und impe­ria­lis­ti­schen Krie­gen gegen­ein­an­der zusam­men­bre­chen wür­de, und dass es daher für die Sowjet­uni­on dar­auf ankom­me, neben dem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem mit einer kon­kur­renz­fä­hi­gen Wirt­schaft sei­ne Exis­tenz zu sichern, also nicht auf die Unter­mi­nie­rung des Wes­tens und des­sen Unter­gang zu war­ten. Das Ver­hält­nis zum Wes­ten soll­te auf Koope­ra­ti­on, Rüs­tungs­kon­trol­le und Wett­be­werb aus­ge­rich­tet sein. Par­tei­ge­ne­ral­se­kre­tär Micha­el Gor­bat­schow setz­te die­sen Kurs­wech­sel mit den Prin­zi­pi­en der Glas­nost – Trans­pa­renz und der Pere­stroi­ka – Umbau sowie der Ver­stän­di­gung mit dem Wes­ten über die Been­di­gung de Kal­ten Krie­ges in den Jah­ren 1985–1990 durch. Das bedeu­te­te die Über­win­dung der Tei­lung Euro­pas, Deutsch­lands und Ber­lins und die Her­an­bil­dung eines „Gemein­sa­men Hau­ses Euro­pa – abge­stützt auf eine gemein­sa­me Wer­te­ord­nung. Aber er schei­ter­te in sei­nem eige­nen Lan­de, das an die­sen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen zusam­men­brach. Der Auf­bruch in eine neue Zeit stell­te sich in Russ­land als Nie­der­gang der Sowjet­uni­on, wirt­schaft­li­che Kata­stro­phe und gesell­schaft­li­che Per­spek­tiv­lo­sig­keit infol­ge einer völ­lig miss­ra­te­nen Pri­va­ti­sie­rungs­wel­le der staat­li­chen Betrie­be durch das Vou­cher-Sys­tem ohne jeg­li­che staat­li­che Len­kung, gemein­sa­me Bewer­tungs­maß­stä­be und recht­lich abge­si­cher­te Ver­fah­ren dar. Der Raub­ka­pi­ta­lis­mus beherrsch­te die Lage. Im In- und Aus­land wur­de Putin daher als Prä­si­dent des Lan­des Anfang 2000 begrüßt, um dem Land inne­re Sta­bi­li­tät wie­der zu geben und die Wirt­schaft in Gang zu brin­gen, was mit dem fal­schen Rezept unter­nom­men wur­de, aber dann der Tat­sa­che zu ver­dan­ken war, dass Gas-und Erd­öl­prei­se in die Höhe schos­sen und dem Land ein sozia­les Siche­rungs­sys­tem ohne pro­duk­ti­ve gewerb­li­che Wirt­schaft ermög­lich­te – auf Zeit. Die inter­na­tio­na­le Selbst­iso­lie­rung, die nun mit der offen­si­ven Ukrai­ne-Poli­tik des Kremls ein­ge­tre­ten ist, könn­te fata­le wirt­schaft­li­che und finan­zi­el­le Fol­gen haben. Kapi­tal­ab­fluss und sub­stan­ti­el­ler Rück­gang der Wachs­tums­ra­ten sind schon ein­ge­tre­ten. Heu­te prä­sen­tiert uns Putin mit sei­nem Nar­ra­tiv der rus­si­schen Geschich­te, die von einer patri­ar­cha­lisch-auto­ri­tä­ren Staats­form – und Kul­tur sowie der staat­lich kon­trol­lier­ten Wirt­schaft bestimmt sei, aber auch einen legi­ti­men Herr­schafts­an­spruch über den Raum der frü­he­ren Sowjet­uni­on mit sich bringt. Die auch von der Sowjet­uni­on ver­tre­te­ne The­se der Ein­krei­sung de Lan­des durch den ame­ri­ka­ni­schen Welt­macht­an­spruch wird wie­der­be­lebt und der pro­vi­so­ri­sche Regie­rung in Kiew wegen angeb­lich ter­ro­ris­ti­scher sowie faschis­ti­scher Bewe­gun­gen in der Ukrai­ne die Aner­ken­nung ver­wei­gert. Am 1. Mai 2014 gab es eine offi­zi­el­le Gewerk­schafts­ver­an­stal­tung auf dem Roten Platz – erst­mals seit 1990 – mit den Roten Flag­gen der Sowjet­uni­on und den Weiß-Rot-Blau­en Flag­gen der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on im brü­der­li­chen Schul­ter­schluss. Es erin­nert an die Ent­schei­dung Sta­lins im Jah­re 1936, die Uni­for­men der Roten Armee durch die des Zaren­reichs zu erset­zen – also die impe­ria­len Zie­le der Sowjet­uni­on in die Tra­di­ti­on des Zaren­reichs zu stel­len. Das Modell des Gemein­sa­men Hau­ses Euro­pa auf der Basis einer euro­päi­schen Wert­ord­nung, also den indi­vi­du­el­len Men­schen­rech­ten, der Gewal­ten­tei­lung und der Unab­hän­gig­keit der Gerich­te, wird vom Kreml und in die­ser Hin­sicht auch von Luka­schen­ko als Instru­ment des ame­ri­ka­ni­schen Welt­herrrschafts­an­spruchs zurück­ge­wie­sen sowie dämo­ni­siert und damit Euro­pa erneut in einen welt­an­schau­li­chen Gegen­satz hin­ein­ge­stellt. Euro­pa und die USA bemü­hen sich um ein Kri­sen­ma­nage­ment, das die Rech­te der indi­vi­du­el­len Staa­ten und der Bür­ger gegen den trans­na­tio­na­len Herr­schafts­an­spruch Russ­lands schützt, ohne dass es zu einem neu­en Kal­ten oder gar hei­ßen Krieg kommt, Ob die­ses Unter­fan­gen gelingt, das wis­sen wir heu­te noch nicht – aber aus Mos­kau weht jetzt ein ande­rer Wind als zu den Zei­ten Gor­bat­schows. Und Gor­bat­schow selbst hat jetzt Putin zur Anne­xi­on der Krim gra­tu­liert! Es ist spür­bar, dass die heu­ti­ge rus­si­sche Füh­rung in Nach­fol­ge­staa­ten der Sowjet­uni­on, die sich auf die Basis der euro­päi­schen Wer­te­ord­nung stel­len, eine Bedro­hung des eige­nen staat­li­chen, poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Sys­tems erblickt. Mos­kau hat daher in der Ukrai­ne inter­ve­niert, um die unbe­strit­te­nen Schwä­chen des Lan­des zu nut­zen und eine Sta­bi­li­sie­rung des Lan­des auf der Basis der euro­päi­schen Wer­te zu ver­hin­dern.

Was bedeutet das für Belarus – was für Europa?

Die Nach­bar­staa­ten Russ­lands fürch­ten um ihre inne­re und äuße­re Sicher­heit – ins­be­son­de­re dann, wenn es in erheb­li­chem Umfang rus­si­sche Mit­bür­ger gibt, die unter den Druck Mos­kaus gesetzt wer­den kön­nen, um das Land zu desta­bi­li­sie­ren, wie Lett­land und Est­land, aber auch Bela­rus und alle ande­ren Nach­fol­ge­staa­ten der Sowjet­uni­on, die heu­te locker in der Gemein­schaft Unab­hän­gi­ger Staa­ten zusam­men­ar­bei­ten. Luka­schen­ko hat die rus­si­schen Mit­bür­ger gewarnt, sich nicht zu Hand­lan­gern rus­si­scher Inter­es­sen zu machen. In die­ser Hin­sicht besteht der­zeit kei­ne Gefahr, denn Mos­kau ist immer dann besorgt, wenn Nach­fol­ge­staa­ten mit rus­si­schen Bevöl­ke­rungs­an­tei­len ein west­lich ori­en­tier­tes Staats-und Gesell­schaft­mo­dell anneh­men und in die­sem Sin­ne auch Russ­land beein­flus­sen könn­ten. Es gab und gibt nicht weni­ge Beob­ach­ter, die in der För­de­rung demo­kra­ti­scher Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten in den Prä­si­dent­schafts­wah­len am 19. Dezem­ber 2010 durch Mos­kau ein Vor­ge­hen sahen, die­se Kräf­te auf die­sem Wege in das Mes­ser der Luka­schen­ko-Hilfs­trup­pen zu trei­ben. Aus heu­ti­ger Sicht ist das durch­aus plau­si­bel, zumal der dama­li­ge Prä­si­dent Med­wed­jew schon in sei­ner außen­po­li­ti­schen Dok­trin von 2008 den Anspruch Mos­kaus erhob, im Inter­es­se von Rus­sen und aus geo­stra­te­gi­schen Grün­den in den Nach­bar­staa­ten gewalt­sam inter­ve­nie­ren zu kön­nen. Man spricht da von einem cor­don sani­taire aus stra­te­gi­schen und gesell­schaft­li­chen Grün­den – eine Begriffs­welt aus den Zei­ten impe­ria­ler Krie­ge und der frü­her geläu­fi­gen Dok­trin des Gleich­ge­wichts der Kräf­te als Grund­la­ge der Frie­dens­po­li­tik in Kon­flikt­si­tua­tio­nen. In der deut­schen öffent­li­chen Mei­nung spie­len die soge­nann­ten Ruß­land­ver­ste­her eine gewis­se Rol­le – nicht in der Gro­ßen Koali­ti­on und im Bun­des­tag auch nur bei der Frak­ti­on der Lin­ken – aber in den Medi­en äußern sich Men­schen, auch Poli­ti­ker mit gro­ßer Ver­gan­gen­heit und bekann­ten Namen, die Russ­lands Han­deln mit den Völ­ker­rechts­ver­let­zun­gen der USA – vor allem im Irak – recht­fer­ti­gen und auf­rech­nen oder die gar in Fra­ge stel­len, ob denn die Ukrai­ne ein Natio­nal­staat sei. Sie blen­den die Char­ter von Paris (Novem­ber 1990) aus. Sie blen­den den Ver­trag zwi­schen der Ukrai­ne als Atom-Macht in der Erb­schaft der Sowjet­uni­on – mit der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on, den USA, GB und Frank­eich als dama­li­gen Nukle­ar­mäch­ten aus, die 1994 den Ver­zicht der Ukrai­ne auf ihre Nukle­ar­waf­fen mit einer Garan­tie für die Gren­zen des Lan­des besie­gel­ten. Nun hat Mos­kau die­sen Ver­trag mit der ein­sei­ti­gen, also nicht ver­han­del­ten Inkor­po­ra­ti­on der Krim ver­letzt und die ande­ren Garan­tie­mäch­te auf den Plan geru­fen. Bei Aner­ken­nung der neu­en Staa­ten auf dem Gebiet der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on im Jah­re 1992 wur­de auch ver­ein­bart, dass die Gren­zen, wie sie bestehen, bestä­tigt wer­den und Ände­run­gen nur im Wege bei­der­sei­ti­gen Ein­ver­neh­mens vor­ge­nom­men wer­den kön­nen. Im Wege der Infil­tra­ti­on sind die Pro­vin­zen Süd­os­se­ti­en und Abcha­si­en aus dem geor­gi­schen Staats­ver­band her­aus­ge­löst und – ohne jede inter­na­tio­na­le Aner­ken­nung durch Dritt­staa­ten – außer Vene­zue­la – von Mos­kau als unab­hän­gig Staa­ten aner­kannt wor­den. Ähn­li­ches könn­te mit der Ost­ukrai­ne gesche­hen – oder gar die Inkor­po­ra­ti­on in den rus­si­schen Staats­ver­band und damit die Tei­lung der Ukrai­ne als Fol­ge rus­si­scher gewalt­sa­mer Inter­ven­ti­on. Micha­el Kho­dor­kow­ski, einer der umstrit­te­nen Olig­ar­chen Russ­lands und in Mos­kau , zu mehr­jäh­ri­gem Haft­stra­fe ver­ur­teilt, aber im Dezem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res vor­zei­tig ent­las­sen, hat nun die Ost­ukrai­ne bereist und den Men­schen Mut gemacht, für die indi­vi­du­el­len Rech­te und einen demo­kra­tisch gestal­te­ten Staat ein­zu­tre­ten, aber dem patri­ar­cha­lisch-auto­ri­tä­ren Staat nach Mos­kau­er Mus­ter 2014 eine Absa­ge zu ertei­len. Er hat viel Kri­tik an dem inef­fi­zi­en­ten, kor­rup­ten ukrai­ni­schen Staat geübt, aber aus Furcht vor der Unter­wer­fung unter die heu­ti­ge rus­si­sche Staats­macht die For­de­rung nach natio­na­ler ter­ri­to­ria­ler Inte­gri­tät und demo­kra­ti­schen Refor­men unter­stützt. Sei­ne Ana­ly­se spie­gelt die inne­re Zer­ris­sen­heit des Lan­des wider, die durch eine Spal­tung des Lan­des noch ver­tieft und ver­stärkt wür­de. Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint eine schritt­wei­se Annä­he­rung an das Staats- und Gesell­schafts­mo­dell der Euro­päi­schen Uni­on die wün­schens­wer­tes­te Opti­on, aber sie wird in dem heu­ti­gen rus­si­schen Nar­ra­tiv als Mani­fes­ta­ti­on von Faschis­ten und Ter­ro­ris­ten apo­stro­phiert. Die Kri­se der Ukrai­ne wur­de durch den von Mos­kau erzwun­ge­nen Ver­zicht der Regie­rung in Kiew aus­ge­löst, den Asso­zi­ie­rungs­ver­trag mit der EU nicht gele­gent­lich des EU-Gip­fels in Vil­ni­us am 27. Novem­ber 2013 zu zeich­nen. Mos­kau wei­ger­te sich, den auch von Janu­ko­witsch mit aus­ge­han­del­tem Kom­pro­miss zwi­schen den poli­ti­schen Kräf­ten anzu­er­ken­nen, der zu Bil­dung einer pro­vi­so­ri­schen Regie­rung und zu Neu­wah­len am 25. Mai 2014 füh­ren soll. Die OSZE wird mit gro­ßem Auf­ge­bot die Wah­len beob­ach­ten. Dane­ben gibt es unzäh­li­ge ein­hei­mi­sche Wahl­be­ob­ach­ter. Gefahr droht den Wah­len durch Mili­zen rus­si­scher Mach­art und natio­na­lis­ti­scher Mach­art in der Ukrai­ne selbst. Vor dem Hin­ter­grund sei­ner eige­nen Geschich­te kann die Euro­päi­sche Uni­on und kön­nen die frei­en Völ­ker in Euro­pa kei­nem Land eine natio­na­lis­ti­sche Domi­nanz über ande­re Völ­ker oder über Men­schen der eige­nen Spra­che in einem ande­ren Land Vor­rech­te staat­li­cher Herr­schaft ein­räu­men. Sie kön­nen auch die Gel­tung der indi­vi­du­el­len Men­schen­rech­te nicht preis­ge­ben und müs­sen mit Opfern der Unter­drü­ckungs­po­li­tik – wo immer dies zu beob­ach­ten ist – auch prak­tisch wirk­sa­me Soli­da­ri­tät üben. Die Inter­ven­ti­on des Kremls auf der Krim und in der Ukrai­ne ist ein Weck­ruf für Euro­pa, sich auf sei­ne Zie­le und sei­ne Pflich­ten zu besin­nen. Die euro­päi­schen Wah­len in der Zeit vom 22.- 25. Mai 2014 (ach­te Wahl) sind mehr als eine zufäl­li­ge zeit­li­che Koin­zi­denz mit den vor­ge­zo­ge­nen Prä­si­dent­schafts­wah­len in der Ukrai­ne am 25. Mai 2014. Es sind Schick­sals­wah­len für den Frie­den und die Frei­heit in Euro­pa ein­schließ­lich der Ukrai­ne. Ber­lin, Mai 2014

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